ögyr @ litfon

Vom 7. bis zum 20.2. ist ögyr am Literaturtelefon Kiel zu hören mit lyrischen Texten aus dem di.igi.2010:

Mo, 6.12.10 (Di, 7.12.10, 2:42): still(end)es sonett

und nach den räuschen bist du wieder hier,
mein flüsterwort, mein unscheinbarer acker.
und betest ruhe und verständnis mir,
schlägst dich durch meinen tränend’ schiffbruch wacker.

dir sei mein lied gesungen, meinem wort,
ein lobgesang, die hymne, symphonie!
denn du, mein dichterwort, bist niemals fort.
du leitest sprechend mich, verlässt mich nie.

aus dir, dem wort, sei dies’ sonett gemacht.
du bist der text, mein hirt’ und sel’ger reim,
erflehst mein sehnen durch die dunkle nacht.

du bist mein erster und mein letzter wille,
bist manchmal fern und, ach, mir selbst geheim.
allein, du bist mein herz, mein mund – die stille.

Fr, 18.6.10 (Sa, 19.6.10, 2:50): schrille stille

„ist irgend eins, das einer seele g’nüget? ist ein halm, ist eine gereifteste reb’ auf erden gewachsen, die ihn nähre?“ (friedrich hölderlin / scardanelli)

schon an der mutterbrust war diese stille,
das saugen selbstgefällter existenz.
es war nur eingebor’ner wunsch, nicht wille:
bevor ich was besaß, war’s insolvenz.

„ich schrieb, ich schrie“, als kind schon buchgestäbe
in einem wort verlierend, zu verzieren
noch jeden schrei, auf dass er rasch verwehe.
in schriller stille standen brav die stiere.

wie sie vor roten tüchern blieb ich liegen,
stellte stürm’sche wecker stillend weiter.
im turm steh’ ich, wo seine wänd’ zerstieben.

dem grab die schrille stille vorzuschreiben,
hab’ ich mich aufgemacht zum fortschrittschreiter.
ich bin das schaf, die hirten zu beweiden.

Mo, 25.10.10 (Di, 26.10.10, 4:04): endlichkeit der fragen

was ist die endlichkeit? ein sagen, trautes
wagen auch, ein immer wieder gehen
ans ende einer zeit: gedichtdurchschautes,
das stürmt und drängt nicht, doch wird daraus wehen.

mein ruf heißt „endlich!“, endlich bin ich wieder
widrig und der kasper im theater,
ein clown, mein narr, ein endlich versverschieber,
ein sohn, mein opa und alldem mein vater.

ich frag’ sie nicht, ich antworte den fragen,
den letzten, diesen wilden widerspruch:
was war zu sagen, können wir nicht tragen,

wir sind zu endlich für solch’ ewigkeiten.
indes, wir sinken in die schauerflucht,
das enden in den himmel auszuweiten.

Mi, 20.10.10 (Do, 21.10.10, 5:56): in taschen alter maschen

die winterjacke ist zurück, verschlafen …
noch: ein schrankgeruch, ein leichenduft.
als wir im letzten herbst uns liebten, trafen
hände sich in ihrer taschen kluft.

ein feuerzeug, sein gas nicht mehr entflammbar,
zum kauen, kaum mehr, gummi, ausgetrocknet,
der leichenschmaus von damals, als das „wann?“ war
kein fragen nach vergangenem, zerhoffnet.

so geh’ ich durch vom fall bedeckte straßen,
durch aus- und leergeschrieb’ne schwarze blätter
und möchte endlich unter ihnen schlafen.

so komm’ ich heim in einst gefüllte taschen
als ihres rests melanverkohlter retter,
an alter nadel längst verlor’ner maschen.

(für lilly)

Di, 5.10.10 (Mi, 6.10.10, 4:03): nachttauisch

unter die decke, betaute, in stille geschlüpft,
vertrauter der nacht als verschummert belichteter tage,
wie plumpsack geht um und in himmel und hölle zerhüpft
legten sich tanzende füße auf gittrige trage.

wolkenverdunkelte, lastende trägheitsmomente,
auf anderem dach von antennengefinger gespießt:
ein bleicheres bild, auch ein gleichnis der nächtlichen wände
lässt sich kaum denken, wenn’s tränend ins auge dir schießt.

nachttauisch tropft es aus himmeln zu irdischem sinn,
wird dort zum weiher, zum teich, wo ein fleischlicher nachen
verblühteren rosen versenkte sich schüchterner hin,

als läge er mit dir in seidigen kissen der tiefen.
dort wird er in lilien-verblichenen armen dir schlafen,
ein kind, das die geister als nächtlichen tau zu sich riefen.

So, 23.5.10 (Di, 25.5.10, 5:33): Frühlingslied

Sing, sing, Vögelein,
es ist Nacht,
und die Galle grünt schon schwarz
dem Nest entgegen.

Schlaf, schlaf, Vögelein,
es ist Tag,
und die Sonne scheint so kühl
an Maiens Himmeln.

Sag, sag, Vögelein:
Wer sang dir
dieses Lied vom Winterschrein
so fern dem Lenz?

Flüster, wisper, Vögelein,
jenem Dichter
sein eig’nes Siebenschläferlied
ins taube Ohr hinein.

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