Zauberberg, Figuren

Herr G., Studienrat a.D., der seinen belehrenden Ton mit hinüber in die weißhaarig bebrillte Pension genommen und über die (von ihm als Zumutung oder auch als „üblen Scherz“ empfundene) Herz-OP gerettet hat. Wenn er geht, tänzelt die Hüfte unschön, weil er sich mutwillig gerade hält, weil gerade Haltung für Stolz spricht, eben „Haltung“. Herr G. mag sich keine Schwäche anmerken lassen. Immer im Dienst. Sein Lächeln ist noch so wächsern schnippisch wie das eines Lateinlehrers, der Fünfen mit Konsequenz verteilt, lächelnd und ohne Erbarmen, weil Nachsicht letztlich keinen Schüler weiterbringt, nur Strenge, Unbedingtheit. Herr G. schreitet aus dem Essenssaal, erhobenen Hauptes, setzt sich in einen Foyer-Sessel und schlägt nach den Beinen demonstrativ übereinander das ausliegende „Hamburger Abendblatt“ auf und verkündet, hörbar die Zeitung raschelnd, als ließe er sie sich räuspern, mit lauter Stimme in die Umgebung: „Da wollen wir doch mal schauen, was die sich wieder zusammengeschmiert haben!“ Setzen, Fünf! Herr G. wohnt auf dem selben Flur, also ist er auch morgens zugegen, wenn es am Stationszimmer zu Schlangen kommt, um die morgendlichen Blutdruck- und Gewichtswerte (bei manchen auch Blutzucker) den Schwestern zur Eintragung in die Krankenakte bekanntzugeben oder messen zu lassen. Man zieht eine Nummer, „wie auf dem Arbeitsamt“, sagt Herr G. und verzieht angeekelt den Mundwinkel. Herr G. ist schlau, er schleicht schon eine halbe Stunde vor Öffnung des Stationszimmers aus seinem, um die Eins zu ziehen. Leider hatten auch andere dieselbe Idee. Was Herrn G. erzürnt. Was seien denn das für Zustände?! Unerhört! Das sei „kontraproduktiv“. Sein Dialekt ist trotz der oberlehrerhaften Distinguiertheit breit hanseatisch, eher Rostock als Hamburg. Wenn Herr G. die Sporthalle zur Herzgymnastik 25 W betritt, schreitet er im vollen Bewusstsein seiner stolzen Erscheinung die gesamte Bank ab, wo schon andere Versehrte sitzen, und setzt sich an deren äußerstem Ende nieder wie auf einen Thron. Auf seinen (zufälligen) Nachbarn, soweit es ein Mann ist (mit Frauen redet Herr G. nicht, schon gar nicht mit kranken), beginnt er sofort einzureden, in einem Ton, so dass es all hören müssen. Er habe festgestellt, dass es ja hier allein ums Geldverdienen gehe, also der Klinik. Das sei ja in der Gesellschaft ohnehin verbreitet: nur noch Geldverdienen. „Sie können sicher sein, dass Sie hier nur abgeschoben wurden, weil sie für das Krankenhaus zu teuer wurden …“ Herr G. führt seine fundiert untermauerten Theorien weiter aus. Dass man ihm nicht zuhört, stört ihn wenig. Daran ist er gewöhnt, aus alten Zeiten in der Schule, wo seine Schüler genauso unbelehrbar waren. Nachmittags sieht man ihn in strengem Marschtempo (ärztlicherseits gewiss verboten, aber was kümmern Herrn G. ärztliche Ratschläge?) Runden um den Sportplatz ziehen. Dabei geht er aufrecht und stolz, obwohl windige Büsche seine einzigen Zuschauer sind. Der Aschenbahn erteilt er die Note Fünf. Wegen Schlaglöchern. „Haben Sie das mal gesehen? Unerhört! Nicht? Müssen Sie mal hingehen, müssen Sie sich mal anschauen!“

Herr L. war „bis 48 bei der Luftwaffe“. „Besser als Heer, schlechter als Marine, nicht wahr? Jawoll!“ Pilot, aber darüber redet er nicht. Geheimhaltung, jawoll. Danach wurde er Gastwirt. Leidenschaftlich, wie er sagt. Rauchte und trank aber selbst zu viel mit den Gästen. Daher jetzt Herz. Und als Nebenwirkung eine unbremsbare Mitteilsamkeit. Er kennt sich als Gastwirt aus, ihm ist „nichts Menschliches fremd, haha, nicht wahr?“ In den Gesundheits-Training-Vorträgen fällt Herr L. unangenehm auf, weil er zu allem, was die (ebenso unangenehm) säuselnd weichstimmigen Psychologinnen vorne auf ihren Powerpoint-Präsentationen präsentieren, ein kräftiges „Ganz genau!“ oder „Ja, genau so ist es!“ hinzuzufügen hat. Etwa beim Thema „Alltagsdrogen“. Damit kennt er sich aus, der Herr L., „nach 15 Jahren Tresen“. Die Psychologin referiert: Bei jungen Mädchen gehe der Trend zum Rauchen, woran das liegen könne? „Naja, die jungen Ladies wollen was hermachen“, weiß Herr L., aber eben etwas zu laut und zu schnell. Selbiges zu Komasaufen und überhaupt und allem. Herr L. hat zu allem etwas zu sagen und kann es nicht zurückhalten. Denn er „hat Herz“, eh die schlimmste Krankheit hier. Herr L. sitzt gleichsam im Cockpit oder eben hinterm Tresen der Klinik. Und verkündet: „Übrigens: Sehr ähnliche Orte!“ Jawoll, Herr L.

Fräulein M. ist dürr, rothaarig und Brillenträgerin. Und sie ist schweigsam. Einmal in einer gemeinsamen Veranstaltung ein Hihi-Lächeln, wo sie bemerkt, dass wir den selben Nachnamen haben, beide mit Eh-Ypsilon. Fräulein M. grüßt mich seither – als Nachnamensbase. Dabei wirkt sie säuerlich. Ihre Turnschuhe sind zu modisch und wie von einer guten Freundin verordnet. Sie „eiert“ irgendwie beim Gehen und macht dabei doch eine geradezu grazile Figur. Vermutlich MS und die frühstadlichen Folgen. Oder Asthma, denn auch in den Kursen sitzt sie und winkt mir zart und schüchtern, als wären wir Geschwister nur wegen des gemeinsamen Nachnamens, der allein statistisch hier doppelt vorkommen muss. Fräulein M. sitzt zwei Tische weiter im Essenssaal, also im Blickfeld, man begegnet sich oft am Buffet des Morgen- und Abendbrots. Sie sagt „Guten Morgen“ oder „Guten Abend“, obwohl das nicht notwendig wäre, weil die Tageszeit ohnehin als bekannt vorausgesetzt werden kann. Wenn sie grüßt, ein leichtes Nicken, schüchtern, zurückhaltend, gleichwohl mit einer Gewissheit, die ungeübt, doch unmittelbar ist. Fräulein M. braucht Wärme. Mitten im Sommer trägt sie Rollkragenpullover. Und die sind auch noch schreiend orange, nicht passend zu ihrer ausbleichenden, indes zärtlich anmutenden Haut.

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4 Kommentare zu Zauberberg, Figuren

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  3. Daniel sagt:

    grandiose beobachtungen, lieber ögyr, das riecht nach einer novelle. im ernst. d.

  4. Ich finde es immer hoeflich, als neue Leserin eines Blogs ein freundliches “Hallo!” rueberzuschicken, ich sah Sie bei taintedtalents erwaehnt und lese hier seitdem mit Vergnuegen, wenn auch ohne Umlaute.

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