Fr, 5.3.10 (So, 7.3.10, 4:40): Uhrwerk-Orange

Infolge Schlafkrankheit (und von Erkältungssekret gluckerndem rechtem Innenohr) wieder mal mehr als einen ganzen Tag im Verzug im di.gi.arium und auch sonst.

Indes, die Nacht zum Arbeitstage aufheben (oder absenken) (und den darauf folgenden Tag zu übernächtigen), das konnten schon die Romantiker: Für KN beim chiffren-Konzert des NDR-Chors und Elbtonalpercussion mit Hommagen an Schumann und Mahler. Nah diesen Stimmungen, die sich da verraten, sagen wir ruhig mal wieder: kassibern. Top Secrets aus verhärmten und selbstverschütteten Seelenprotokollen (gerührt und nicht verschüttet).

Ich schreibe wie folgt darüber (nur zur Illustration hier gepostet – und auch dazu, einen Diskurs über die Modernität der Romantik einzuleiten):

— snip! —

Wiederentdeckte Romantik

NDR-Chor und Elbtonalpercussion beim chiffren-Konzert in der Halle400

Kiel – Die Romantik war der Moderne und damit auch der Neuen Musik lange Zeit suspekt: Zu schwärmerisch schienen den Neumusikanten, die sich unter anderem mit streng seriellen Kompositionstechniken beschäftigten, die weltschmerzenden Waldeinsamkeiten Schumanns oder auch des Spätromantikers Mahler. Dass letztere beiden in diesem Jahr einen runden Geburtstag feiern (Schumanns 200. und Mahlers 150.), nahmen der NDR-Chor unter Leitung vom Philipp Ahmann und die Schlagwerker von Elbtonalpercussion zum Anlass, im Chorschaffen der Jubiliare und jener zeitgenössischen Komponisten, die sich mit diesem intensiv auseinandersetzten, zu forschen.

Unter dem Motto “Urlicht” förderten sie dabei in der Halle400 erstaunliche Nähen zwischen der “aus der Welt gefallenen” Romantik und der Moderne zu Tage. Schumanns “Romanzen für Frauenstimmen und Klavier op. 69” vertonen zwar Gedichte unter anderem von Joseph von Eichendorff, traten aber nie aus dem Schatten der Vertonungen von Mendelssohn und Brahms. Gustav Mahler gar schrieb keine genuine Chormusik, sieht man mal von der Verwendung der Gesangsstimmen aus “Des Knaben Wunderhorn” in der 2. Sinfonie oder seinen “Liedern eines fahrenden Gesellen” ab. Letztere Kompositionen sind jedoch unbedingt chorisch gedacht, wie Clytus Gottwald in seinen Bearbeitungen für Chor a cappella von 2001 und 2009 beweist. Die Instrumentalstimmen verwebt Gottwald als die Texte vielfach brechende, raunende bis den Schmerz harmonisch zuspitzende Chorstimmen mit der eigentlichen Gesangsstimme zu einem klangflächigen Geflecht, das wie aus verborgenen Schichten des Bewusstseins und der Originalkompositionen herüberschallt.

Der NDR-Chor bedient sich dabei einer eher schlichten Gesangstechnik, die romantische Schweller und Rubati meidet, das Gefühl des “Ich bin der Welt abhanden gekommen”, das Mahler wie Schumann umtrieb, aber gerade dadurch umso eindringlicher evoziert. Eine Seelenerforschung, die die Romantik als ausgesprochen modern ausweist. Wilhelm Killmayer schließt daran an, indem er in der Chorliedersammlung “… was dem Herzen kaum bewusst …” (1995) Eichendorffs Texte noch einmal vertont, in einem Idiom, das wiederum das “Romantische” modernen Chorsatzes zeigt. Buchstäblich im Geiste Schumanns ist auch sein Stück “Schumann in Endenich” für Klavier, E-Orgel und Schlagzeug komponiert. Düster gräbt es in den Seelenqualen, die Schumann nicht nur im psychiatrischen Krankenhaus, sondern vor allem in seinen Innenwelten erlitt.

Dass Schumann das “romantische Gefühl” auch dramatisch dachte, zeigen “Mitternachtsstücke” aus seinem Tagebuch, Entwürfe zu Melodramen, die Mauricio Kagel für Chor- und Sprechstimmen und Instrumente vertonte. Sicher das “neutönendste” Stück des Abends, gleichwohl so nah an Schumanns Sinn und Sinnlichkeit, dass auch in ihm eine moderne Romantik aufscheint.

— snap! —

… und träume danach kongruent dieses:

In einem wuchernden Loft, in dem innovative Medienschaffende (Künstler halt …) nicht nur völlig neuartige Produkte kreieren, sondern auch darauf pochen, dass Kreativität nur in völlig neuen Büroatmosphären und -surrounds gezüchtet werden könne. Etwa in dem Loft, wo sie die Wände bewalden mit schlingpflanzenartigen Orangen-Gewächsen. Die bringen keine prallen Früchte hervor, sondern nur Mini-Orangen, die es allerdings nicht nur aromatisch in sich haben. In jeder Frucht von Cocktail-Kirschen-Größe entfaltet sich immer noch eine Frucht. Bis zu fünf Litern Saftkonzentrat könne man aus jeder dieser orangenen Perlen gewinnen, versprechen die Künstler. In der Tat: Beißt man auf eine, explodiert eine Saftflut im Mund, bis man erbricht.

Lilly, der ich den Traum berichte, meint, derlei sei wohl sexuell zu deuten. Ich meine eher, es sei das Kern/Konfusionsprinzip der Poesie: In einem Wort steckt schon das ganze Gedicht, wenn nicht Epos.

Egal. Die Loft-Bewohner stellen noch mehr Erstaunliches aus: In weit gespreizten Beeten, beleuchtet von LEDs, züchten sie bio-digital-dynamische Disketten. Ich frage: “Wer braucht heute noch Disketten?” Sie kontern: “Wer brauchte zu Zeiten des Buchdrucks noch Papyrus?” Disketten seien eine Speicherform, die ihren Charme durch ihr Historisches, ihre Abgelebtheit, ihr Verschwundensein entwickelte. Nun gibt’s also auch die Bio-Variante.

Wirkt ein bisschen wie aus Cronenbergs “Naked Lunch”-Verfilmung, wo Schreibmaschinen zu Käfern mit Mösen metamorphen. Allein, wenden die Züchter ein, auf eine Diskette passe ein halbes meiner di.gi.arien, wenn man nur das ASCII-sierte Wort nimmt. Und das war schließlich am Anfang dieses seltsamen neuerlichen Endes der EDV. Ich beiße in eine dieser Uhrwerk-Orangen und speichere diesen, genau diesen hier Sub(t)raumtext auf einer dieser bio-gedenkenden Disketten aus sündig-saftigem FLEISCH.

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