Mo, 11.1.10 (Di, 12.1.10, 3:39): Die Emotion der Revolution

Marilyn Manson, wie er Eurythmics’ “Sweet Dreams (Are Made of Thee)”, “The Minute Of Decay” und “The Reflecting God” in eine Emotion der Revolution verdichtet. Der permanenten Revolution. Soundtrack ebenso: Mozart: Klavierkonzert d-moll, KV 488, Adagio. All das mischt sich zum Schneegestöber von “Sinn und Sinnlichkeit”.

Diese Soundtracks schicken Lilly und ich durch den Äther, dialogisch up- und downloadend. Ich, Rock-Opa, natürlich den Mozart 😉

Die Dichterinnen sprechen.

Geborgenheit und Aufruhr. Die …

— snip! (1. Fassung für KN) —

Emotion der Revolution

Kai Zimmer arbeitet an seinem Experimentalfilm über die Revolution 1918 in Kiel.

Kiel – “Das Ausgangsmaterial für den Geschichtsunterricht in höheren Schulen ist nicht verbreitungswürdig. Nicht weil es keine bewegte deutsche Geschichte gegeben hat, sondern weil sie so bewegt war, dass man sie nicht in einem positiven Sinne verbreiten kann”, ließ Alexander Kluge 1979 in seinem Spielfilm “Die Patriotin” die Geschichtslehrerin Gabi Teichert sagen. Fortan grub Gabi Teichert nach Geschichte “von unten” – um sie zu verändern, sich ein “verbreitungswürdiges” Material für den Geschichtsunterricht zu verschaffen. Ohne Kluges Film zu kennen, blickt der aus Kiel stammende Berliner Filmkünstler Kai Zimmer in seinem neuesten Experimentalfilm “Revolution” aus solcher Perspektive auf “das einzige Kieler Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung”, die November-Revolution 1918, die vom Kieler Matrosenaufstand ausging.

Den üblichen Dokumentationen à la “ZDF History” will er keine weitere hinzufügen. Zimmer interessieren die “Partikel” der Historie, “die Emotion der Revolution”, die er in seinem Fotofilm – statt bewegter Bilder werden Originalfotografien, Postkarten und historische Gegenstände abgefilmt, unterlegt unter anderem mit zeitgenössischer Musik von historischen Schelllackplatten – versammeln wird. Zimmer will kein Bild der Kieler Revolution zeichnen, sondern erforschen, was eine Revolution auslöst und vorantreibt: Emotion, Euphorie, Rausch! Zeitzeugen, die er auch erzählerisch verarbeiten will, sind dabei Postkarten, “die wirklich verschickt wurden”, persönliche Nachrichten und Eindrücke, die im Off-Ton dialogisch gesprochen werden. Einiges solches Material hat Zimmer schon versammelt, etwa eine “Halbe-Mark-Münze, mit der damals tatsächlich etwas bezahlt wurde”, sowie diverse Postkarten und Fotodokumente, die er bei Ebay erstand oder aus Archiven zog – immer mit dem Blick auf das scheinbar Marginale, das die eigentlich verbreitungswürdige, weil bisher ignorierte Historie birgt.

Wie immer bei Zimmer spiegelt sich solches Konzept (gefördert mit Projektentwicklungsmitteln der Filmwerkstatt Kiel) direkt in der Form. Schon sein erster “Kiel-Film” “Seestück”, der bei der Kieler Museumsnacht 2009 auf positives Echo stieß und dem “Revolution” jetzt wie in einem Diptychon und durchaus auch als “Heimatfilm” zur Seite gestellt wird, sei “mit seinen gefilmten unbeweglichen Bildern eigentlich ein Fotofilm gewesen”. Fotos böten als “Momentaufnahmen” einen näheren, assoziativen Blick und seien damit authentischer als Film mit seiner auf Illusion beschränkten Authentizität des bewegten Bildes.

Wie auch das Prinzip Collage ehrlicher abbildet als ein fiktional durchorganisiertes Drehbuch. Wie schon beim “Seestück” verlässt sich Zimmer ganz auf die vorgefundenen Materialpartikel und deren Anregungen, die er auch schon mal inszeniert: Zimmer als Revolutionär vor dem Matrosenaufstand-Denkmal im Berliner Friedrichshain, mit Ernst Tollers Autobiografie “Eine Jugend in Deutschland” im Arm.

Denn das Nachempfinden der Emotion Revolution ist auch seine eigene Revolution. “Das Vorher war nur Übung, jetzt fange ich an”, sagt Zimmer über die Einordnung von “Revolution” in sein bisheriges Schaffen. “Eck- und Wendepunkte” will er darin ausmachen – anhand solcher der Geschichte. Zudem sieht er Parallelen zwischen dem ersten Jahrzehnt des 20. und des 21. Jahrhunderts: “Eine Revolution steht wieder mal an!” Nach der aus Leipzig vor 20 Jahren vielleicht mal wieder eine aus Kiel?

Kai Zimmer sucht noch Kieler Materialien, Fotos, Postkarten, Gegenstände aus der Zeit vor 90 Jahren. Kontakt: info@kaizimmer.de.

— snap! (nachgetragener Artikel des Gesprächs im Zimmer Kai gestern) —

Dazu recherchierend nochmal Kluge: “Die Patriotin” befragt. Nicht nur das Zitat als Aufhänger. Auch den Gestus, Geschichte ihren Eigensinn nicht zu rauben, sondern eben zurückzugeben. Negt/Kluge: “Geschichte und Eigensinn”. Der Eigensinn der Kunst, der Dichtung. Die lässlichste der Sünden des schöpferischen Tauschrauschs.

Ich soll das nicht schreiben, aber wenn nicht Zimmers Film oder Zimmer bei seinem Film, dann bin ich es, der seit langem bei einem Text mal wieder stocknüchtern ist. Liegt daran, dass der hausapothekliche Alkoholtank ((und das Gras noch, damit es grün bleibt, mussten wir rauchen)) leer ist. Hoffnungsvoll also, dass es für die Revolution heute Nacht keinen Treibstoff für die Panzer, wohl aber die Poesie gibt.

Die Hoffnung der Widersprüche ist das für jede künftige Revolution, dass die Bahnsteigkarten gelöst sind wie die Zungen des homerischen Gesangs.

… Reset Revolution …

“Genossen! Ihr habt Fehler nicht gemieden / denn nur in Fehlern wird das Richtige vom Falschen unterschieden” (so oder ähnlich ich)

Wobei es ja auch gerade darum geht, das Gescheiterte erneut in Geschichte zu verwandeln und damit fortzuschreiten. Wir geben Gabi Teichert Futter. Und wie immer schweigt dabei etwas von weit – in the second of decay …

Und beginnt darin zu reden, Rede schwallend @ Speakers Corner, auf der Mandarinenkiste wie Lenin schreiend. Das ist Poesie, dass sie nicht mal im Schweigen innehalten kann. Das ist der Schuss in die Schokoladenkiste der permanenten Revolution.

Zwischen Tasten und Kühlschrank umhereilend, jetzt, nachts, komme ich am Balkon vorbei, der schneeleichenbetucht da liegt wie ich gleich schnarchend. Gebilde der Rührung. Und Erkenntnis: Nur als romantisch Gerührte werden wir revoltieren können gegen das “Es ist, wie es bleibt” (Heiner Müller). Mit Manson gegen Mozart, mit Mozart für Manson, mit Meyer als Müller.

… Plagalschluss auf der Subdominante …

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