zwischendeck

hier sind die wände nicht von teak vertäfelt,
man sieht das genietete blech,
roh, gerade noch weiß getüncht.
ein paar zentimeter stahl
trennen uns vom ozean, auf dem wir
schwimmen, neues land suchend
in einer nussschale unserer hoffnungen.

über uns, zwei decks, klicken die schritte
der walzer, sind weiß die gamaschen
und ist der kragen nicht nur an diesem
sonntag, dem 14. april, rein.
unter uns, zwei decks, mischt sich
der kohlenstaub mit dem schweiß
auf den stirnen der heizer,
die schaufeln 21einhalb knoten
in die vulkane der kessel.

nur eine leichte erschütterung

ein leises knarren im holz der kojen

kaum weckt es unseren schlaf

es ist so zart wie die warme hand der mutter
unsere wiege wiegte,
nun ein eiskreidiger finger
schreibt auf einer eisernen tafel
die strichliste der lebendigen
und der toten.
zwei strich backbord sind wir
die auf der falschen seite des kreuzes –
schon allein statistisch gerechnet
sind wir zwischen/totendeck.

die wahrscheinlichkeit, bernoulli,
die ziehung der nieten,
sprechen gegen uns.
archimedes nicht minder,
erbarmungslos ab jetzt sein gesetz
vom auftrieb, unerbittlich wahr.

nur eine leichte erschütterung

ein leises knarren tief im holz der pritsche

kaum schläfert es uns aus

lobetal, unterm dach beim pastor.
der sagt, er habe „den feind im haus“,
den mikrofonen. allein,
er ist von kreuzes wegen der
barmherzigkeit verpflichtet.

in pfarrhäusern ist die dachkammer
das zwischendeck.
oder schon das wacklige rettungsboot.
bedürftige zuerst, sagt sich der pastor,
segnet vielmehr die ruder, dass sie ins wasser,
nicht auf köpfe schlagen.

auch eine segnung der zivilisation,
dieses christentum, wenn man so will.
hier hängt man keinen im auftrage könig
davits. hier bietet man ihm,
wenn auch die bibel in der tasche,
das henkerseil in der hand,
eine zwischendeckkammernde herberge
für die überfahrt derer,
die in verkennung der kenterungslage
die faust gereckt zum untergang.

nachmittags haben wir
zwei stunden ausgang auf dem achterdeck.
von hier aus sieht man die schrauben
westwärts schäumen.
21einhalb knoten. mit kaum
einer erschütterung.
ingenieur andrews ist begeistert,
wie „ruhig sie läuft“,
dass man das traben der
tausende pferdestärken
da unten nicht hört
auf ihrem apokalyptischen ritt.

erst als das erste rinnsal
viel zu eilig unter der tür der zelle hervorrennt,
als es sich formt schon nach sekunden zu
kleiner welle, eine spur von schaum
vorm mund
… des zorns der konterrevolutionären massen …
nässend die bibel des pastors,
ihre seiten verklebend …

das leise schwappen des teiches vor dem fenster
im zwischendeck lobetal. ein frühjahr
am ende der zeiten, eisgang noch im april.
das übersetzen über den großen teich in
einem nachen nur, unsinkbar, weil
längst versunken, wer in solchen steigt.

nur eine leichte erschütterung der leiche

die hand, die seit zwei wochen zittert

keiner weiß wie jeder, warum

eine eisgraue lottofee hat die nieten
aus dem stahl gezogen, von dessen ordnungsgemäßem
zustand sich vorher ein staatlich beauftragter
vollzugsbeamter überzeugt hat.
eben noch schien es uns, als seien wir der stahl,
nun wirft man uns zum zu spröden eisen,
dem brüchigen.

schrott

scheitern

… und alles muss vergehen, versinken,
verstehen …

stabilität der gitter, guter stahl,
fester als das wasser von schweiß und tränen ätzend.
gefängnis auf dem weg in die freiheit,
so heißt sie. man muss kompromisse machen
im jetzt kompromisslosen des zwischendecks.
„ein mann will nach oben“, von unten getrieben
vom wasser, das ihm bis zum knöchel
schon steht, als er bemerkt,
dass die nur leichte erschütterung
gerade eine welt aus den angeln hebt.
eine alte welt, ja, aber was tut’s
– oder tut nicht –,
wenn zwischen ihr und der neuen,
dem „morgen schon an meiner seite im
himmelreich“ vier stunden
an seemeilenstrecke liegen, bis …

CQD / CQD / kommt schnell / stop / sinken über bug /
stop / MGY

die carpathia dampft voll heran,
peitscht ihre schrauben durch den ozean
zum entlastungsangriff gegen die kälte,
die in lobetal noch in diesem märz 1990
… herrscht, ja herrscht, wo eben noch die
proletarischen massen herrschten,
der stahl der revolution und nicht
seine brüchigen nieten aus schlecht geschmiedetem,
schlackigen eisen.

nur eine leichte erschütterung

oder wie hieß das, wie eh in den zwischendecks?:
„with a whimper not a bang!“

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2 Kommentare zu zwischendeck

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