wohl temperiert, atlantisches hoch

sonntag, 14. april, morgens:
noch zweistellig über null
reckt sich das quecksilber
an celsius’ gestaden.

es weht indes, sonnig, kein wind
überm sonst oft sturm-gepitchten
drehbuch nordatlantik. zu nah an eises
feldern, wo der winter
sonst des frühlings saat
sät, nun ein eisiges verharren.

im kreißsaal der reichen wissen
deren schritte walzer tanzend
nicht, wohin mit solcher menopause
einer belle epoque, der aufsteigenden hitze
ihrer überhitzten märkte,
deren aktienkaufaufträge
im takt der dollars die morsefunker
kaum bewältigen.

und darüber EISwarnungen beiseite legen.

die hitze der geschäfte auch
auf der mnemopause des ozeans
verdrängt die warnungen plötzlicher
untergänge. crash ist dieser
reise wie der börse nicht eingeplant.

an der wallstreet roar-rotiert in diesen
horny teens der twenties die aktie der
white star line und ihrer schwesterdampfer
olympic, titanic und – noch im dock – brittanic.

ein titans nicken zu den kursen, konten,
knoten, noch vor dem untergang der
hochgeschwindigkeitsgeschäfte hundert jahre später.
hier brauchen nachrichten noch zeit,
circa 100 baud, so viel macht der schnelle
funker phillips, wenn er cape race @
newfoundland kontaktiert,
von wo der äther goldwert nach new york
drahttelegrafiert.

indes ist die temperatur in wenigen stunden
um dutzend grad des celsius gefallen,
das meer nahe dem gefrierpunkt nun, labrador-strömung.
leichter wind, aber nur ein hauch,

aus nordost.

diverse schiffe melden eisfeld,
bleiben liegen, nehmen dampf
aus ihren segeln, denn selbst der
kann die vereisung der hybris nicht erwärmen.

der funker der titanic ist zu beschäftigt
mit den bösen börsen und den knuspernden kursen,
als dass er kursänderung befähle.
und der käpt’n ist bei seinem dinner
statt dem dampfer zu steuern

seines schiffleins ruder.

schon wie immer:
katastrophen künden sich,
aber eben nur als notiz,
die kassandren zu deuten wüssten,
die aber nicht an marconis tasten sitzen

und hören nicht, was sich da
zusammenbraut und schiebt an „iceberg
right ahead“, sind kein ausguck, haben
keine ferngläser am neuen medium,
nur wie die dichter eine glaskugel
vor sich.

in der tat ist jeder rat des untergangs
dem nächsten teuer und immer nur verzerrt
und menetekel, lyrisches wir,
uns nicht deutbar, nur zu spät
uns’res schiffleins ruder herumschlagend.

und wären wir direkt darauf gelaufen,
hätten stirn statt steuerbord geboten,
wären wir verheert, aber nicht untergegangen.

wohltemperiert ist unser untergang,

die trauernden terzen sind harmonisch eingeordnet
wie eingenordet. südwärts ist der weg des eises,
das uns’re unnatur uns unentgegen
zum scheitern brachte.

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