des ehemaligen tages textberater

„Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ (aus: bertolt brecht: „dreigroschenoper“)

„Du wollest dem Feinde nicht geben die Seele deiner Turteltauben“ (aus: bach, cantata bwv 71/6)

„ich würde gerne meine freunde vererben“ (klavki)

der autor tilman rammstedt, dem ich im lauschigen dachstübchen des literaturhauses schleswig-holstein am frühen abend des 18. januar 2013, dem 99. geburtstag von arno schmidt, auflauere, um seine vorlesende stimme für das literaturtelefon kiel aufzunehmen, ähnelt auf dem autorenfoto des dumont-verlags, wo sein neuester roman „die abenteuer meines ehemaligen bankberaters“ im herbst 2012 verlegt wurde, der daguerreotypie von edgar poe (1848). beiderseits oberlippenbart und stechende augen, sowie deren entrückter blick ins … fantastische.

rammstedt (nicht -stein, aber deren „engel“ unerwünscht anverwandt) erzählt in seinem roman von einem bankberater, den es mit dem hollywood-schauspieler und -weltretter bruce willis vor dem eigenen untergang wie auch dem auftrag, den untergang zu verhindern, zu retten gilt. eine mission impossible für den bankberater wie bruce will-es und nicht zuletzt die erzählende instanz. „a rose is a rose, is a rose“, sagte gertrude, der steinerne gast, meinte damit nicht, dass ein konto ein konto, ein konto oder ein depot ein depot, ein depot sei, sondern dass ein porzellanener elefant auf dem schreibtisch des rammstedtschen ehemaligen bankberaters selbigen vor allem erinnere … an einen (zerbrechlichen) elefanten.

dass es nicht ist, wie es bleibt, wusste schon heiner … müller. das nicht sein, wo etwas bleibt, scheint die aufgabe der (hinterbliebenen) schriftsteller. tilman rammstedts, geboren 1975 und daher etwas jünger dreinscheuend düster in die kamera als ehedem edgar poe stillhaltend vor der obscura der daguerrotypie, wie meine, davon zu berichten, womit das nicht ursprünglich zusammenhängt, sondern – qua outohr – verkettet wird mit gänzlich unzusammenhängendem …

wie der kirche im dorfe, namentlich im kieler jungfernstieg / ecke körnerstraße, bachs ratswahlkantate bwv 71, von deren „politik“ im sechsten satz nur die religiöse bitte um eine erlösung bleibt, die nicht gegeben werden kann, solange jesus und seine truppen des proletariats den tempel der wechsler noch nicht verheerten. und wer wäre da ausgerechneter heiland, wenn nicht die vermutung, dass wir vorsorgen könnten für „dein alter“, das laut satz drei der bachschen cantata „sei wie deine jugend“.

meinen vater („ich bin nun achtzig jahr, wird er mit selbiger cantata im november lispeln können, könnte er singen, was er nicht kann, wir singen dann für ihn) erreichte am vorvorabend des 99. geburtstags des autors schmidt (und damit des 49. seines sohnes, des autors ich) die botschaft, wie einst, am 4.4.2009 mich, dass sein freund seinem lungenkrebs zum opfer fiel. es hieß wie bei mir, er habe exzessiv „geraucht“, sei also ein brennender gewesen. der bankberater indes löst nun seine lebensversicherung aus, einen fünfstelligen betrag.

hat es sich also gelohnt, so lange einzuzahlen in die werte statt in die worte, so lange auszuhalten statt einzuhalten? und wie für den bankberater, der damit immer auch textberater war, indem er wie wir auf das bleibende von kolumnen spekulierte, wenn auch nur die der zahlen – und gerade dennoch träumte?

zerbrechlicher ist der held, der messias, den wir rufen, der glatzköpfiger ist und muskulöser und bruce williger als der gekreuzigte, die welt und uns zu retten in jener fiktion, die sich selbst den untergang nicht zutraut. denn wir sterben langsamer als es sich verfilmen ließe oder in romanen erzählen. wir sind am leben, während wir über den tod nachdenken, nachschmerzend dem untergang ganzer systeme. und dass wir am leben sind, widerständig gegen den tod, macht ihn für den augenblick noch unmöglich. wir versinken nicht, weil wir uns in das versinken versenken.

und der, der gegangen ist, zwei tage vor meinem 49. und arno edgar tilmans 99. geburtstag, liest uns nun auf, wie wir stehen fragend unter denen der straße und den fenstern, aus denen man uns hinter gardinen blickt. wir sind wie die fischkadaver, die man mit tabak ausstopfte, und wie die worte, die mir jüngling von dem freund des vaters manchmal ebenso heimlich wie heimisch klangen. wir bleiben übrig nicht nur, wir setzen fort. wir sind die berater der zukunft, die turteltauben, deren seelen der herr nicht geben wird unseren feinden – und nicht unseren freunden.

(für heiner koch, gestorben am 15.1.2013 in rostock)

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