Di, 22.6.10 (Mi, 23.6.10, 3:10): Gerührt von mir selbst

Nach der Nachtschicht gestern übernächtigt erst nachmittags wieder das (sommersonnenwändisch früh-bis-spät andauernde) Tageslicht erblickt. Wann der elektronische Briefkasten schon wieder mit 20 (davon 12 ernstzunehmend) Mails gefüllt ist. Bereits im digi2000 wurde ja mehr mehrfach über diese Konstanz der Arbeitsaufträge geklagt, die in diesem stetigen Rhythmus, zu dem meiner querliegt, mürbe machen.

Aber auch anfeuern. Heute mal mit der seit 18 Uhr intensiven Arbeit an “all dem” bereits weit vor 3 nachts fertig, harre ich gierig auf das Erscheinen der KN von morgen (also heute) (das ePaper kommt immer so gegen 3 online), um zu schauen, wie der Artikel über Cassandra Steen von gestern da erschienen ist.

Wortwörtlich, wie ich lese (hatte offenbar genau “auf Zeile”, wie das die Tischredakteure nennen, geschrieben). Fein. Aber auch irritierend, dass ich, wo ich es nochmal lese, gerührt bin von meiner Rührung gestern (das tanzende Mädchen im Rollstuhl …). Die im Text zitierten Tränen im Knopfloch quellen gleich nochmal aus dem Text durch die Knopflöcher des Nachtarbeiteroveralls hindurch, der zu Unrecht den Namen “Schlafanzug” trägt (allein die Zeit seines mutwilligen Anlegens “gegen Eilf” käme dem Zweck nahe). Eine Art Selbstverliebtheit in den selbst verfertigten Text. So ein protestantisches “Gut gemacht”-Gefühl. Und auch, dass ich es immer noch kann, nach all den Jahren, einen Text über die Routine hinaus zu schreiben.

Dabei ist das Artikel Schreiben doch immer im Modus “Immer ist Situation” (vgl. Flugschrift, S. 26), sprich die “Wahrheit”, der man sich als Journalist verpflichtet fühlt, ist abhängig, bestimmt von zahlreichen situativen Komponenten: von der Situation, in der ich mich aufs Fahrrad zum Termin schwang (schwere Fahrt, da zu geringer Luftdruck im hinteren Reifen, daher erhöhter Rollwiderstand, daher verschwitzt ankommend), über die Situation “am Set” (auf der Hälfte des Konzerts Harndrang und Hunger, Formen des Begehrens) und die Situation meiner selbst (derzeit weltschmerzig und “nah am Wasser gebaut”) bis hin zu dieser (immer gleichen, auch nach Jahren der Routine) Situation vor einem leeren Word-Fenster zu sitzen und die Überschrift zu tippen (anders als die meisten Kollegen fange ich immer mit der Überschrift an – sie ist das “Am Anfang war das Wort”, mein Hirte durch den Artikel, das Prolegomenon, der Prolog, sie gibt die Richtung vor).

Manche sagen meinen Artikeln nach, man merke ihnen an, dass “der Meyer immer nur über sich selbst schreibt”. Passt in das Situative. Erstaunlich dennoch, dass dabei, in dieser Ergebung an die Subjektivität – gerade in der – Wahrheit, etwas “Objektives” entsteht.

Wiederum davon gerührt, von der pretty.public.privacy, von meinem ganzen dortigen Tun und mich Umtun. Gerührt, nicht geschüttelt, dass ich das durchziehe. Unbeirrt in allen meinen wirren Irrungen.

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