So, 20.6.10 (Mo, 21.6.10, 9:25): Liebe ist …

Nach nunmehr völliger Ver-rückung des Tag-Nacht-Rhythmus so genannt abends ins Theater im Werftpark durch den Kieler-Woche-Massen-Irrsinn gewandert. Dort mal wieder das eigentlich ja schon bekannte und viel besungene Erlebnis, dass Kunst einen anders geworden entlässt, als man in sie hinein gegangen ist.

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Wo die Liebe hinfällt

Der Jugendclub des Theaters im Werftpark zeigte seine umjubelte Version von “Amor und Psyche”.

Kiel. Sie sind der Romeo und die Julia der Antike: Amor und Psyche. Was schon andeutet, dass ihre Liebe eine Geschichte ist, die, so alt wie sie ist, immer neu bleibt. So verwundert es auch nicht, dass der Jugendclub des Theaters im Werkftpark unter der Regie der Tanzpädagogin Tanja Carella und des Tänzers Thomas Hörath vom Kieler Ballett, eine ganz eigene Geschichte dieses (Alp-) Traumpaares erzählt.

Von Aischylos’ Tragödie bleiben nur Fragmente, Keywords wie “Verbotene Liebe”, “Eifersucht”, “Misstrauen”, die anfangs über die Videoleinwand flackern, um dann in gleichsam antithetischen Diskussionen näher beleuchtet zu werden. “Wann fühlen Sie sich authentischer, im Glück oder in der Verzweiflung?”, fragen sich und das Publikum die 14 Darstellerinnen, die mal siebenfache Psyche versus siebenfachem Amor sind, mal die deren große Liebe beneidende und sich ihr in den Weg stellende Gesellschaft.

Das sind Fragen, die sich die jungen Frauen, auch wenn sie nicht auf der Bühne stehen, vermutlich oft stellen. Und diese persönliche Berührtheit von dem, was sie da verhandeln, spürt man in jeder der eindringlich choreografierten Bewegungen. Wo die Liebe hin fällt, fällt sie auch hin, das Scheitern scheint selbst dem größten Glück einbeschrieben, ja, vielleicht wird Glück erst durch seine Vergänglichkeit als solches erfahrbar. So kreisen die ersten Bewegungen um das “aus dem Gleichgewicht Fallen”, um den nahenden Sturz – und das sich dagegen Aufbäumen. In einem Szenenkarussell spielt jeweils ein Paar die vielfältigen Situationen des Liebens, wo es um Vertrauen versus Misstrauen geht.

Psyches Zweifel verstärken sich, denn ihr Amor gibt sich nicht zu erkennen. Er darf es nicht, die Götter haben’s verboten. Aus dem Zweifel an der Liebe wird Zweifel an sich selbst und der Gesellschaft, ihren durchschaubaren Regularien dafür, was Schönheit sei. Die Darstellerinnen finden dafür eindrückliche, parodistische Tanzbilder vom Posen für ein Partyfoto bis zum Catwalk auf dem Bürgersteig.

Und immer wieder diese bohrenden Fragen an das Ich, das Du und vor allem an uns, die wir diesem Liebessterbenstanz zusehen: “Lieben Sie den Menschen oder nur, dass Sie ihn lieben?” “Was ist schöner? Sich verlieben oder verliebt sein?” Die Antworten liefern stumme Tanzgesten, die in ihrer Intensität unglaublich sprechend sind. Ein sich Winden und Krümmen, aber auch ein sich sehnsüchtig Weiten. Und Regietricks von bildhafter Kraft, wenn etwa der über der Liebe von Amor und Psyche längst gefallene Vorhang am Rollgestell über die Agierenden gefahren wird.

Am Ende ist das Wort, sind diese drei, die über alle Zeiten ganze Welten bewegen. Gemalt sind sie auf die Maleranzüge, in die sich die Tänzerinnen zum finalen Tanz der Buchstaben hüllen. Kokons der sprechenden Hoffnung der Musen, dass die eingestandene Bühnenhaftigkeit des Gefühls, dass ihr Hinfallen im doppelten Wortsinne Liebe doch möglich macht. Der Vorhang bleibt wie alle Fragen offen. Und lässt uns ebenso tief gerührt wie über Minuten applaudierend zurück.

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Wieder mal nah am Wasser gebaut bin ich, erforschend noch, was denn genau meine Tränen rührte. Die Knopflöcher, die sich über dem stetig wachsenden Bauch um Zusammenhalt bemühen, waren es jedenfalls nur als mögliches, sprichwörtliches Behältnis. Faszinierend natürlich diese Jungfrauengestalten, die Mädchen, wie sie von Liebe reden und schreiten in schwarzen Söckchen. An Lilly all das, als Armor seiner Psyche, der Muse, gesungen. Indes: Welche Dauer ist uns? Wenn keine, so war es schön gewesen, dieses Heimkommen an den Altar, wo die Herzen flackerdochtig verbrennen. Wenn solche, dann die Alltäglichkeit solcher vertrauter Dauer. Dass ich ihr schreibe von meiner Ver-rückung, sie von ihrer. Der Ton auch, wie wir das tun, frech, wortspielend, unserer uns zugesprochenen Worte Roman versprechend.

Die Icons zur Guten Nacht, dies Lächeldings, das Umarmbärchen, das Zeitlauführchen. Und die schwingenden Herzchen überm Smiley. Während ich ihr noch so zur Nacht tippe, rattern die Rättlein am Gitter. Amörchen Lou und Psychchen Lo. Die schnupper-süchtigen Mäuschengesichter. Ich lese ihnen dies vor. Ungläubig schauen sie knopfveräugt. Und die Schnurrhaare zittern. Stehen da, wartend am Gitter. Auf Erlösung. Und auf Futter.

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