So, 25.7.10 (Di, 27.7.10, 2:41): Geigerzähler

Spät auf, dann mit Lilly, dann aber schon wieder los zur Arbeit: SHMF, Nigel Kennedy und Band in der Holstenhalle Neumünster. Sitze irgendwo in der Mitte, umreiht von sonntäglicher Kulturbürgerei, von der man heutzutage nicht mal mehr erwarten kann, dass sie es nicht so toll finden, wenn ein klassischer Geiger, der Nigel Kennedy nach eigenem Verständnis sowieso nie war, Ausflüge in hart rockenden Fusionjazz macht. Nö, das finden die auch „gut, irgendwie“ (aufgeschnappter O-Ton). Mir fällt als Geigerzähler, dem die Uhr tickt, sofort sowas wie „repressive Toleranz“ ein. Unpassend, klar, wird aber hirnmäßig so abgerufen. Überhaupt immer dieses viele Nachdenken über Musik, berufsbedingt. Wie ich da immer so allerlei raus- und reinhöre. Auch so Gedanken wie: Bach hätte das auch gut gefunden, wäre Jazzer, lebte er noch. Quatsch! Bach war Traditionalist. Aber als Pietist natürlich offen für jeden Klangzinnober, greift der nur nach dem Himmel. Und das tut Kunst ja manchmal „irgendwie so“ einfach von selbst. Kann man gar nichts gegen machen. Will man ja auch nicht, und alles ist gut und Geige.

Jedenfalls davon, vom Kennedy, obwohl durchschaubar, was er da macht und geigt, angefasst. Von dem kleinen Mann auf der Bühne in seinen Punk-Klamotten, die jetzt sein Frack sind, den er auch nicht wieder ablegen kann. Und wie dann in all dieser kostümierten Erwartungshaltungserfüllung dann doch plötzlich dies Unbändige ist, dies Unkontrollierbare, dies „da geht etwas mit einem durch“, wo dann also Kunst ist, unmittelbar, nackt geradezu – antastbar.

Geigerzähler wankt heim, rund zwei Kilometer von der Holstenhalle zum Bahnhof durch Halbnacht, uriniert an einen Bauzaun, verdeckt von einem am Straßenrand abgestellten Truck-Anhänger, durstlöscht die Heimwärts-Zug-Verspätung mit einem Bierzylinder aus dem DB-Shop. Zweitakter: Bier, Zigarette. Und sehr kunstmäßig drauf gerade. Im Zug, der sonntagsnacht praktisch leer ist, daher einleuchtende („Enlightenment“) Pfeillichter aufgenommen:

Zuhause Lilly. Noch Film, gemeinsames Eindämmern darüber. Geigenexegese dann morgen.

Im Traum die Geigen wie im Schäfchenspalier. Ich: zweite Geige, letztes Pult (Parkett Mitte, Reihe 7, Platz 17). Also Kunst.

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