„this is a recording“

aufnahmesitzung mit bernd fiedler. soundmaterial – sprecher: ögyr – für zukünftige projekte poetischen films. versuche mich mit meiner stimme als musique concrète: wechselnde tonlagen, rhythmen, spielen mit der sprache, möglichst nicht zu sinn-nah, eher „absolut“ musikalisch geräuschend.

sinn aber schleicht sich immer wieder ein, sobald man spricht.

drei texte:

1.

„abstracks no. 1“ aus „abstracks“, schon mal von mir selbst video.poetisiert:

die geschmeidigkeit der schwerter | das geschmeiß der scheide | der achselsaum, fell der gebeine.
die fraglosgeste meiner fragilen gäste | zur nacht, genossen, zur nacht! bis zum abendrot!
angst lässt sich nur vermessen vermessen | mit dem zollstock im arsch | mit kalk | und grubenlampe.


2.

spontan.poem von fiedler, eigentlich nur zitatsammlung, im fragmentarischen aber umso poetischer, wie sich beim wiederholten sprechen zeigt:

ein einfaches entnehmen der rolle
jetzt endlich reden wir über die abschaffung der straßen
sie begegnet ihm im mondschein
erst war ich da. nicht
da war keiner da. nicht
und jetzt ist einer da
sei so lieb und schlag ihn tot

3.

tagebuch in einem handkalender, a5, eines vermutlich elektroingenieurs in berlin 1994. fundstück auf flohmarkt. druckreife schrift, manisch akribisches protokoll eines in seiner stetigen wiederholung immer dürrer werdenden, alleinstehenden alltags. einsamkeit. anrührend daher, poetisch in seiner lakonie. bf & me beschlossen, diese spur weiter zu verfolgen, auszubauen. hier first take: 941029/30:

– trotz regelmäßiger tabletteneinnahme noch keine besserung der schmerzen und der schlaflosigkeit.
– zeitungen geholt.
– alte zeitungen und illustrierte sortiert, mit mülleimer entsorgt.
– wochenendeinkauf bei plaza.
– küche ausgefegt.
– mittag- und abendessen zubereitet.
– geschirr abgewaschen.
– hemden, tücher, unterwäsche und strümpfe gewaschen.
– delinat probe-paket.
– staub im schlafzimmer gewischt.
– zeichen-lehrbrief bearbeitet.
– spaziergang um block.
– fühle mich „hunde-elend“, schmerzen wie immer.
– zeitungen geholt.
– vogel gefüttert.
– spaziergang um block.
– zigaretten von tankstelle geholt.
– mittag- und abendessen zubereitet.
– geschirr abgewaschen.
– wohnung etwas aufgeräumt.
– nochmal spaziergang um block.
– ab ca. 14 uhr hat der vogel nur noch auf dem boden in einer ecke gedöst.
– und ist um 20.20 uhr eingeschlafen.
– letzte ruhe in zigarrenkiste.
– nun habe ich niemanden mehr!

nun weiß ich wiedermal, dass der text der erste und letzte aller hirten ist, von denen mir reichtum ist und nichts mangelt. steht da so schwarz auf weiß, eine art von unbedingtheit, sprache, die gesprochen werden will (denke dabei an klavki). in vielen tönen. zur musik werden muss. konkret. bin bestürzt. wäsche nicht gewaschen. zur reinigung war svetlana vorgestern da. aber das heim zeigt schon wieder spuren meiner dreckigen eck-sistenz.

nachts mit julija telefoniert. pläne. ideenflut. lege mich nieder, elektrisch beleuchtet, was ich aus dunkelangst nicht ausschalte. singe die lieder, die mich nicht in schlaf singen. bin einsam und doch … mittendrin und bleibend, hartnäckig, denn „this is a recording“.

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Ein Kommentar zu „this is a recording“

  1. Atsi Niloiv sagt:

    meinetwegen!!!

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