Mi, 11.8.10 (Do, 12.8.10, 4:09): Glaube, Liebe, Hoffnung

Als ich diese drei Worte, weil vom Interviewpartner so genannt, ins Notizbuch eilschreibe, plötzlich nah am Wasser gebaut, Rührung und Tränennähe, Innehalten. Wie schon vorher beim schnellen Blick über die Ausstellung von Graffiti-Fotos von Klaus Byner im KirchenKai, gleich nebenan meiner Bürowohnung, von wo abends christmettend die Glocken auf den Balkon herüberklingen, wo mein Tränenäuglein hängen bleibt am Fassadenspruch: „Für Dich verändere ich die ganze Welt. Deine Trösterin“. Derlei möchte ich sagen, als Tröster, und hören, als Getrösteter. Und dies Gefühl der Notwendigkeit, Trost zu spenden und zu empfangen, scheint, flammt, tränt, halsschnürt plötzlich auf, als ich „Glaube, Liebe, Hoffnung“ ins Notizbuch schreibe.

Die „Macht der Bilder“, von der Byner spricht, mit Bezug auf ein Foto aus seiner Ausstellung „Kreuzzeichen“: Da hatte er ein Kreuz auf dem Boden fotografiert, einen Markierungspunkt für eine Gasleitung, wo im Kreuz „Gas“ stand. Daraufhin habe ihm eine ehemalige KZ-Insassin davon erzählt, vom Kreuz, vom Gas. Die Macht der Bilder und Zeiten, ich spüre sie gerade.

Und schreibe dann für KN (Byners mir gesandte Fotos zur Illustration eingebaut):

— snip! —

Glaube, Liebe, Hoffnung in Graffiti

Klaus Byner fotografierte Graffiti und stellt sie im KirchenKai der St. Nikolaus-Kirche aus.

Kiel. Er hat „die Kamera immer am Mann“ und die christlichen Ideale „Glaube, Liebe, Hoffnung“ immer im Blick, wenn sich Klaus Byner „in die Seitengassen der Kunst“ begibt – zu den Graffiti, von denen er drei Jahre lang in Kiel, Hamburg, Berlin, Magdeburg, Erfurt, Wien und Rom über 500 fotografierte. 41 davon sind ab Sonntag im KirchenKai der St. Nikolaus-Kirche zu sehen (150 weitere auf dem dort aufgestellten Laptop).

„Zeitzeichen“ heißt die Ausstellung des 58-jährigen Mitarbeiters des Erzbistums Hamburg und in Kiel unter anderem in der Obdachlosenarbeit Tätigen, der seit seinem 15. Lebensjahr fotografiert und seine Fotos bereits in mehreren Ausstellungen zeigte. Der Titel ist in doppeltem Wortsinn zu verstehen: Einerseits sind die Graffiti Zeichen einer Zeit, in der christliche und humanistische Werte verloren gehen, aber von der „Straßenkunst“ dennoch vehement eingefordert werden. Andererseits sind sie zeitlich begrenzte Kunstwerke, denn schon morgen können sie übermalt sein. Byner sieht sich daher sowohl als „Kundschafter“, der solche Zeitzeichen aufspürt und zu Gesicht bringt, wie auch als „Sammler und Bewahrer“, der sie in seinen Fotos der Vergänglichkeit entreißt.

Er widmet sich dabei einem sehr alten Medium, denn schon die frühen Christen hinterließen den Fisch als Erkennungszeichen an Mauern. An der Kirche Santa Maria im römischen Stadtteil Trastevere fand er ein solches 1.600 Jahre altes Graffito in Stein gegraben. „IN PACE“ titelt es, und Byner stellt es einem Friedenswunsch von heute gegenüber, den er an Kieler Fassaden fand: Bomber, aus deren Schächten Liebesherzen fallen.

Überhaupt besticht die Ausstellung durch ihre Anordnung, denn Byner stellt seine Graffiti-Fotos beziehungsreich in Paaren zusammen. So ist ein Porträt Michael Jacksons als Engel (gefunden am Hamburger Hauptbahnhof) direkt über dem Schriftzug „Der Preis des Lebens ist der Tod“ (gefunden in Erfurt) positioniert und bringt so die Graffiti dazu, sich gegenseitig zu kommentieren. Manchmal ergibt sich solches „Zeit Zeichnen“ auch direkt aus dem Motiv, wie bei der Obdachlosen-„Siedlung“ unter einer Hamburger Brücke mit dem Graffito „GLÜCK“ auf ihren Mauern.

Byners „Zeitzeichen“ geben Zeugnis davon, wie „politisch“ Graffiti sind, an den christlichen Werten Gerechtigkeit und Solidarität orientiert: Ironisch-bissige Aufschreie gegen die Ungerechtigkeiten und Unmenschlichkeiten dieser Zeit wie „Mein Herz ist schwarz wie deine Coca Cola“ oder „TO GO! – NO GO! – EUROPE A GOGO!“. Aber wo der graffitische Glaube an eine bessere Welt so sprüht, sind auch Liebe und Hoffnung nicht weit. Bei dem Hauswandspruch „Für Dich verändere ich die ganze Welt. Deine Trösterin“ drückte Byner angerührt auf den Auslöser, weil „das vielleicht auch eine Botschaft der Hoffnung“ ist.

— snap! —

Reihenfolge der drei Worte bedacht: Was ist erst? Die Hoffnung? Oder ist die das letzte, Verbleibende nach dem Glauben, nach der Liebe? Oder ist die Liebe die, die Glaube und Hoffnung stiftet? Oder ist ohne Hoffnung weder Liebe noch Glaube? Und was ist Glaube, das mir von den Dreien Fremdeste (und zudem: an was)?

Vielleicht dies (der Herzbomber):

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