13-8-95, 1:45

vide, domine. die füße seien morgens immer voll empfindlich. da sei die leiter beschwerlich. „not for you“, entgeisterte sich sk. esthers schwester war gekommen. ohne esthers ernsthaftigkeit war sie, leichter, ohne jeden von esthers häuchen der vergänglichkeit. ohne die verkümmerte nachdenklichkeit auch. gleichwohl zwang sk das ans schreibpult mit den tasten. die angst vor ihrer schönheit, vor der aufreizung durch diese leiber. r war im leibchen und dünner schwarzer hose erschienen, die füße in den abgewetzten gelben schuh’n. sk litt daran. sk hatte mit den jungen geraucht und war los, der kiff stellte sich auf der radreise ein. vide, domine. sicut erat in principio. die ernsthaftigkeit sollte ihn retten vor den gefühlen, die das eingepeitschte „not made for you“ entgleisen wollten. „not made for you“. all das bestand ohne sk’s zutun, wuchs, ohne daß er davon hätte rauchen dürfen. hochzeiten kündigten sich bei den freunden an. davon war sk entfernt wie seit ehedem nicht. dies alles war nicht für ihn, kein glück nicht in der beschränkung. er war ausgesetzt in die fremdheit des andersseins. daran litt er gleichwohl, daß alles, das normal(st)e, nicht für ihn war. wie er sich also flüchtete in die gährung des alkohols und die chemie der psychotropischen substanzen. würde das einst jemand lesen können, ein auge darauf, das nicht seines war und nicht für ihn gemacht. verschlingung in das fremdesein, das sich bis hin auf ihn selbst erstreckte. er erschrak. doch wies monteverdi heute statt westbam ihn an, den herrn zu loben. der herr war er selbst, sich selbst genug zu sein habend. halbnackt saß sk vor seinem schreibgerät und tippte. das war wert genug, gespeichert zu werden.

auf der fahrt wieder das schmerzliche des erinnerns, der rückblick auf das, was ihn schon früher zu tränen brachte. e – war sie da in der meterentfernung? er hatte sich am morgigen tage r zur tröstung erbeten, ihren leib. denn wenn auch alles nicht für ihn da war, sondern einfach aus sich selbst, fortbestehend auch, ohne daß er daran dachte, so sog er doch daraus sein seien, seine inspiration und auch sein schreiben. wie würde e reden, wenn sie wüßte, daß er tendenziell alles in großer faszination aufschriebe? erbliche ihre freundlichkeit gegenüber sk, wenn sie wüßte, wie er vampirgleich an ihr sog? et in saecula saeculorum. wir lobten den stoff, der uns in träumen wiegte. woran er leiden sollte, konnte er sich aussuchen. er suchte. er war aus. hinaus schweifte, schwiff, was er sagte. draußen brodelte der sommer. doch nicht für ihn. tröstlich wäre gewesen zu wissen, daß all das AUCH für ihn war. es war indes nicht. die teilhabe war ihm versagt. noch während die freunde heirateten, schrieb er auf. das speichern war zur einzigen tätigkeit geworden, zum sein, zur not. zur not konnte er es eben wenigstens aufschreiben. er setzte worte, log auch, wo es ging, um die sache anzuspitzen. das war ihm gemäß. me avolare fecerunt – oculi tui. ihre augen hintern den schwarzen wimpern, durch deren gitter er nicht hatte sehen können. der baß schritt voran in triolen. wie er litt, so litt er. hatte nicht eine gesagt, und die andere nicht weniger, wie gerne er leide. das war wahr gewesen. die nebengruppe der erdalkalimetalle. hätte ihn das retten können? er hätte seinen neuen rechner dort installiert, wo man ihn und den rechner brauchte. doch das war ebensowenig erwünscht.

sk lag nicht, er saß, aufrecht, nur leicht eingebeugt schrieb er, damit er ertrüge, was nicht für ihn gemacht. die leiber lockten zwar, doch er kämpfte gegen die erektionen seiner selbst. er war ein guter kämpfer auch hier. laudate, pueri, dominum. das hatte durchaus etwas religiöses, entsagendes. es war sein trost, damit absolut allein zu sein in weitem feld. die stoppeln waren zählbar, aber nicht abzählbar. sein eigener leib glich dem, verhärmt, eingesunken in die vermeidung dessen, was das gefühl ihm zuflüsterte, das hieß e. und sie war schön. sie litt nicht daran, schön zu sein, welches ihn faszinierte. hätte er es sagen können, so litte er daran. das problem war also, daß er es jenseits jeder flucht sagen konnte. immerhin war wichtig, was er darüber schrieb. das allein war ihm genug, mußte sein. sie hatten geraucht, die verhaschte schwester [j] und e, die davon schwärmte, wie der schwarze sie entspannt habe. sk hingegen schlief nicht gut, sondern voll von träumen von ihr. darein mischte sich jetzt r’s reizende gestalt, die er darob immernoch zu lieben schien. zwei herzen schlugen, ach, in seinem blut, pumpten regelmäßig wort um wort hervor, produzierten geschwür nach geschwür aus ihm herauskatapultierend wie einen pickel, den er gegen den spiegel gespritzt hatte, hinterher mit klopapier abgewischt.

sinke nicht in wasser, die nicht mit einem tropfen für dich fließen, sagte er sich. doch die wellen schlugen weit hinauf bis an sk’s hals. sie wollten nicht ertränken, so nannte er sie wellen, schlug mit dem buchdeckel der zukünftigen E.dition darauf wie auf eine verratzte fliege, die nicht entkommen kann. e liebte ihn nicht. das war zeichen und verpflichtung. er gab sich mühe, der erste schritt zur besserung der worte. hätte er nicht davon geschrieben, läge nichts da, herausgespreitet zwischen den beinen seiner wollust, läge nichts im heraufgezogenen netz der verblüffung über sie. er wischte an sich herum, die weißen körperflüssigkeiten vom gebohnerten parkett oder mit wasser die spritzer aus der hose. was er sich abrang, war mit mühe produziert, geriert im ei des gehirns. erstaunlich die fähigkeit, das zu sagen, was nicht für ihn gesagt war. so litt er nicht und litt, nicht zu leiden daran, was ihn fesselte. gloria patri et filia. wie das durch die sprecher drang. er hätte gerne gebeichtet, dies auf einem teakhölzernen stuhl, hinterlassen wie seinen stuhl im klo. braun war der, die farbe der „brennenden betten“ in ebensolchen häusern.

sie hatten über filme gesprochen, und e hatte verwundert festgestellt, daß man sich früher noch habe an alle filme erinnern können, die man gesehen, jetzt aber die fülle der erfahrung die erinnerung trübe. sk schrieb das alsogleich auf. es war interessant genug, denn ihr mund war nicht verblendet. mit r hatte er korrekturen durchgesehen. sie waren einander dabei nah gewesen. das gesunde fleisch litt, das kranke entsagte.

so aber sagte sk. er sagte und schrieb also. es war nicht wahr, darin aber lag die wahrheit dessen. er liebte. sk liebte. maria virgine lächelte grob darauf herunter, das kind aber war noch nicht ausgezogen, als es das bett aufsuchte.

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Ein Kommentar zu 13-8-95, 1:45

  1. Atsi Niloiv sagt:

    Ja! Wähle die kurze Form! Lange Sachen gibt es schon genug.

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