So, 23.02.2020, 18:19

Unerwartet ist SIE (zusammen mit ihrem Sohn) auf der Durchreise in der Stadt. Wir haben eine Stunde Zeit, auf einen Kaffee. Ich warte ganz aufgeregt am Gleis. Ich kann sie (nach 10 Wochen nicht Sehen) nicht einfach nur wiedersehen. In dem Moment, als ich sie auf dem Bahnsteig sehe, bin ich schon wieder zu verliebt. Und im „record“-Modus: Ich mag jeden Moment aufbewahren, weil mich die Erinnerung mutmaßlich über Tage und Wochen „ernähren“ muss. Indem ich aber versuche, den Augenblick festzuhalten, zu bevorraten, bin ich nicht mehr im Augenblick und also nicht authentisch. Ich sehe und höre mir beim nicht authentisch Sein zu. Wieder auf der Meta-Ebene des Erzählens statt im Erleben. Und ich beobachte SIE. Sie wirkt unruhig, fahrig, aufgeregt, erzählt aber konzentriert von neuen, demokratischen Formen der Bildung und partnerschaftlichem Sein mit Kindern (eben nicht Erziehung). Dabei blickt sie sich immer wieder um und zur Seite, scannt ähnlich einem Fluchttier die Umgebung. Ich sehe sie immerzu an, suche mit meinem Blick ihre Augen, den „Augen-Blick“. Ihre so wachen, warmen Augen. Und, als läse ich ihr von den Lippen, ihren Mund. So verliebt und in Aufruhr, drifte ich aus dem Moment ab, möglicher Text der Beschreibung fügt sich. Entwicklung eines Films vor seiner Belichtung. Dann werden sie und ihr Sohn von dem Freund abgeholt. Das Verabschiedungsritual spult ab. Ich halte den Moment fest, in dem ich Sie umarme und auf die Wange küsse. Ich mag mit dem Moment SIE bei mir behalten. Doch allein nachhause, voller erzählender Worte und den „recorded moments“, die sich zuhause fast verflüchtigt haben.

Ich kann nicht mehr erzählen, höchstens noch beschreiben. Jeder zweite Satz beginnt mit „ich“, dem, dem ich misstraue, an dessen Wahrnehmungs- und Erlebnisfähigkeit ich grundsätzlich zweifle. Ich bin erschöpft und lege mich hin, schlafe und träume drei Stunden. Vor Diktat verreist. Jetzt ins Schlaflabor – „Labor“, das passt …

>> 23.02.2010
>> 23.02.2000
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