Mo, 24.02.2020, 22:14

Adäquater war der Modus Beobachtung/Reflektion gestern Abend, als ich ins Schlaflabor ging. „Ich verdrahte Sie jetzt“, lächelt die Krankenschwester. Ich finde das Wort „verdrahten“ hübsch. Die Mensch-Maschine-Metapher hat mir schon immer gefallen, entspricht auch meiner Wahrnehmung, dass in mir auf der Basis eines gestörten Betriebssystems Algorithmen ablaufen. Mich als eine (funktionsgestörte) Maschine zu beschreiben, ist ein Teil meiner Selbstabwertung, meines mich klein, unwert und unfähig machen, auch Teil meiner bequemen Flucht in die (zur Schau gestellte) Dysfunktionalität.

Ich mache dazu passende Fotos. Materialsammlung.

Ich liege zwischen Kabeln und mit der windigen Maske auf dem Gesicht und versuche einzuschlafen. Das gelingt nicht. Ich rufe mir die Reste der „recorded moments“ mit IHR mittags ins Gedächtnis, versuche, von ihr zu träumen. Irgendwann träumte ich tatsächlich, aber ganz nah an der Oberfläche. Das Fracksausen der Atemmaske erschien mir als Luft, die aus einem platten Reifen entweicht. Eine Panne also.

Abends in der Gruppentherapie drängle ich mich in den Mittelpunkt. Die Gruppe akzeptiert das, obwohl ich meine, ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn ich im Mittelpunkt stehe. Sie versuchen, mir zu helfen, mich auszuwickeln aus meinem Kokon meta-ebenischer Verschachtelung. (Dafür bin ich ungemein dankbar.) Es zeigt sich, wie perfektioniert meine Argumentationsstruktur ist, um meine Weigerung, erwachsen ins Leben zu treten, zu rechtfertigen, analytisch als Notwendigkeit abzuleiten. „Sie werden ihn nicht überzeugen können“, provoziert der Therapeut Gegenredner*innen. Und zu mir: „Sie sind jedem von uns hier intelektuell haushoch überlegen, oder?“ Ich versuche abzuwinken. Aber genau das ist das kleine Hochgefühl, dass meine Argumentation ausgefeilt und gänzlich wasserdicht ist. Aber immerhin lassen sich die Mitpatient*innen davon nicht beeindrucken. Sie durchschauen den Zweifelstiftungsmechanismus, in dem ich gefangen bin. Auch die Pose des „advocatus diaboli“ verfängt nicht. Nicht mal lächerlich machen kann ich mich, was die Selbstdemontage unterstützt hätte. Die Menschen hier finden mich nicht lächerlich, nicht arrogant, nicht unangenehm, sie sind allenfalls erstaunt (vielleicht auch bestürzt) über das Ausmaß meiner Verfangenheit in meinen Denk- und Verweigerungsstrukturen.

Mich als Opfer meiner selbst zu fühlen (oder zu gerieren), gilt nicht. Es ist eines Erwachsenen nicht angemessen. Mich hinter angeblicher Unmöglichkeit und „Ich kann das nicht“ zu verstecken, nicht anders. Zwei Stunden vorher, als L. mich anschrie und ich in Duldungsstarre verfallen wollte, hatte ich es schon eingesehen. Sie ließ nicht zu, dass ich mich als Opfer fühle – und damit Opfer mache. Sie forderte unbedingt den Erwachsenen, den Mann. Der könne ich sein, das hätte ich schon bewiesen. Der Mann, nicht das Kind, weinte darauf – wie erlöst. Auf dem Weg von der Gruppentherapie weinte er erneut. Glauben kann ich es dennoch noch nicht so richtig: Es gibt also kein „not for me“?

Ich lese diesen Text nochmal und ertrage, dass er mir schal und unpräzise erscheint. Im Schaufenster, jetzt im Foto-Ordner, zwei Schmetterlinge.

>> 24.02.2010
>> 24.02.2000
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