So, 09.08.2020

Next Loop: Prokrastination in der täglichen Schreibaufgabe hier, vom anvisierten Morgen, vor der Arbeitsarbeit, auf den Abend, nach der Arbeitsarbeit, und dann auf den nächsten Morgen vor der Arbeitsarbeit verschoben.

Schaue stattdessen Dokudrama über Kepler (und dann Galilei), über eine Zeit, als die Naturwissenschaft noch phänomenologisch statt reduktionistisch war. Loop des Nachnachvordenkens über die „Flugschrift“.

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Sa, 08.08.2020

Parole heute: „Lost in Loops“. Der Tagesverlauf während der Arbeit an der Arbeit (bzw. an der „Trauer der Arbeit, noch zu verrichten“) ist in der Arbeitswoche selbst ein Loop. Die Tage gleichen sich in den wiederholten Tätigkeitsrhythmen (Text korrekturlesen, Text einfließen lassen ins Layout, Umbruch bearbeiten, Bilder raussuchen, Bilder einfügen, Umbruch angleichen) und in den wegen der nur kurz möglichen Konzentration in den Loops der Arbeitsunterbrechung: Aufstehen, Zitronentee trinken, Gemüsestück oder Ölsardinen essen, raus auf den Balkon (ab ca. 13 Uhr, wenn dort Schatten ist), dort sitzen und den Loops der Tauben (Balz, Fressen als Übersprungshandlung, Ruhen unter dem Dachvorsprung, weil dort Schatten ist) zuschauen. Wenn es dunkel ist, die Sternen-, Planeten- und Mond-Loops anschauen. Kreisläufe.

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Fr, 07.08.2020

Auf dem Rückweg gestern im Hiroshima-Park noch Materialsammlung am (schon x-mal gefilmten) Wasserspiel. Heute das Gefühl dazu: Trunkenheit vs. Durst, Überfluss vs. Dürre, Sucht vs. Genuss, Schwimmen vs. Stranden (Abfolge des Schiffbruchs). Mir fällt das Schiller-Zitat zum Elegischen Distichon ein: „Im Hexameter steigt des Springquells silberne Säule, / Im Pentameter drauf fällt sie melodisch herab.“

Ich nenne es (daher) „Elegisches Distichon“.

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Do, 06.08.2020

Hiroshima-Tag, 75 Jahre: Nach Jahren gehe ich erstmals wieder zu der Gedenkfeier im Hiroshima-Park, einmal die Rathausstraße runter, gleich nebenan. Morgen beginnt die GEW-Woche, Layout der September-Ausgabe der „Zeitschrift für Erziehung und Wissenschaft in Schleswig-Holstein“, Schwerpunktthema Friedenserziehung. Dafür brauche ich noch ein Titelbild: die Lotusblüten auf dem Kleinen Kiel, Gedenkritual beim Hiroshima-Tag.

Früher, zu Politzeiten, war ich jedes Jahr da. Eilig als Parteisoldat. Gegenpropaganda, Gegenöffentlichkeiten schaffen. Flugis gegen den (Atom-) Krieg verteilen, für Sozialismus und gegen den Militärisch-Industriellen Komplex („MIR statt MIK!“). Das war so instrumentell wie jetzt auch, weil ich ja ein Foto für ein Arbeitsprodukt machen will.

Die alten Recken der Friedensbewegung. Das alte, ausgeblichene Banner letztes Jahr erneuert, aus Spendenmitteln. Inhalt immer noch derselbe – nicht etwa weil den Pax-Genoss*innen nichts Neues einfiele, sondern weil es immer noch 13.400 Atomraketen weltweit gibt, weil der Kalte Krieg nur zwischenzeitlich weg war, weil immer noch kein Frieden ist, weil „wir“ immer noch als Warner- und Mahner*innen unterwegs sein müssen, sisyphosische Kassandr*innen. Dennoch wirkt die Veranstaltung vergreist, nostalgisch, „ewig gestrig“ – wären da nicht die paar Fridays-for-Future-Jungaktivist*innen. Vor allem die *Innen, jung und aufbrüchig – und sommrig. Auch ewig gestrig, dass ich ihnen auf die Barfüße schaue, gedenkend nach unten. Und dass mir dabei auffällt, dass nach all den Jahren der Flipp-Flopp-Mode nun – wie davor-früher – Birki-Latschen en vogue sind.

Davon mache ich keine Fotos (obwohl das mit Tele reizvoll wäre).

Als die Lotusblüten aus Papier und mit Teelicht drin auf das kaum gewellte Wasser gesetzt werden, wird mein Blick anders. Früher fand ich das „kleinbürgerlich“, jetzt berührt es mich. Davon mache ich Fotos (zwar auch für die GEW-Zeitung vor allem aber in dem Modus seit einigen Tagen, Gefühle zu fotografieren). Die Lotusblüten treiben immer wieder ans Ufer, schwimmen nicht hinaus auf das grünschwarze Wasser. Als fürchteten sie sich vor der Weite (des aus ihrer Sicht Ozeans). Eins muss sie anstuppsen, aber sie treiben trotzdem immer wieder zurück, sammeln sich am Ufer, dicht gedrängt. Fotomotiv also mit der Tiefe der Weite (auch der Zeit).

Und ich gedenke, wie prägend für meine (politische) Sozialisation die ganze Atombomben-Geschichte war. „Pax optima rerum“, der Wahlspruch meiner Alma Mater. Und später, auch darauf fußend, die „Flugschrift“, in der wir einen erweiterten Friedensbegriff entwickelten, indem wir das herrschaftliche und objektivierende Denken als strukturelle Gewalt kritisierten. Auch das wirkt immer noch nach, wenn ich jetzt die Lotusblüten symbolisch, spirituell, ganzheitlich, vom Gefühl her betrachte. Das Private ist politisch – früher nur Spruch (von manchen Genoss*innen übrigens kritisiert), jetzt meine Revolution der Wahrnehmung und – ja – der Antastbarkeit.

>> 06.08.2010
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Mi, 05.08.2020

Weiter auf der Suche nach Gegebenem in der nahen, alltäglichen Umgebung, das sich emotional aufladen lässt, bzw. Gefühl ist, das ich erst in solchem Spiegel empfinde. Stimmungsbilder, (bewegtes wie bewegendes) Stillleben. Erst die „tapfere Distel“ auf dem Mauersims gegenüber der Nordostseite des Balkons. Ebenso bebend (und trocken) in den sanften Böen des Hochsommerwinds die sparsam Blühenden im „Zen-Garten“ am Galeria-Kaufhof-Gebäude (auf dem Weg zum Einkaufen im Netto in der Quer-Passage), ein dreieckiges Stück naturbelassener (aber wenig artenreicher, weil’s hier im Abgasdunst nur wenige Genügsame aushalten) Brache mitten zwischen Straße, sterilem Gebäude und der Pinkelecke unter den Rolltreppen. (An die Wand hat jemand „ZEN“ getaggt.). Ich mache ein Filmchen, das beim Bearbeiten immer karger wird. Effekte: „altes Schwarzweiß“, teilweise „Negativ“ und dann Einfärben. Tonspur schalte ich auf stumm. Durch die mehrfache Filterbearbeitung der Clips bilden sich digitale Artefakte, was mich an die in den Grenzbereichen nicht mehr determiniert arbeitenden Filter in einigen Kompositionen von Gerald Eckert erinnert. Da „drückt sich das Material durch“ (… ins Gefühl).

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Di, 04.08.2020

Nachtrag zu gestern: Ich dachte nochmal über meine Sehnsucht zu IHR nach und stellte fest, dass da sehr viel Projektion am Werke ist. Am Anfang war nur meine Verliebtheit, das ungestüme Begehren (und die waren noch am authentischsten, weil lebendigsten). Als sich das nicht befriedigen ließ, benannte ich es in das Abstraktum „Liebe“ um. Ein Komplex und Geflecht aus mehreren Vorstellungen, Narrativen und jeder Menge Ideologie, das ich fortan auf sie projizierte, um das Gefühl der Enttäuschung (wegen des unvollkommen befriedigten Begehrens) zu betäuben – (Sehn-) Suchtverlagerung. SIE sagte auch mal, es war ganz am Anfang, dass sie nicht so romantisch sei wie ich. Sie kann sich nämlich in ihrer bedrückenden Situation keine Romantik (kein „Wegdriften“, wie sie es nennt) leisten. Mir ist jetzt klar, dass eins sich Sehnsucht leisten können muss und dass einer wie ich, alleinstehend ohne Verantwortung für ein Kind, finanziell und mit schon ein ganzes Stück abbezahlter Eigentumswohnung einigermaßen abgesichert (mit einiger Wahrscheinlichkeit selbst fürs Alter), ungemein privilegiert ist. Leid als Luxus. (Das Sein bestimmt bekanntlich das Bewusstsein, wofür obiges ein treffliches Beispiel ist.)

Am Nachmittag erforsche ich weiter meine Befindlichkeit, projiziere sie fleißig in das Alltagserleben. Kurze Déjavùs flammen auf, etwa die angenehme Frischluftmüdigkeit und von der Sonne nachglühende Haut, die ich früher abends in den Sommerferien hatte, nachdem ich den ganzen Tag am Strand oder im großelterlichen Dessauer Garten verbracht hatte. Dies synästhetisch und schwer in Worte zu fassen, unsagbar (auch so ein Luxusproblem). Ich verfalle auf die Idee, die sich schon durch das ganze vorliegende di.gi.arium spult, nämlich dass ich das „Unsagbare“ besser im Bild erfassen, genauer: inszenieren könnte. Und zwar von Vorgefundenem. Auf dem Weg vom Einkaufen zwei Fotos in die Schaufensterdekoration zweier Boutiquen:

Die Schwere des Kapitells der Säule des Tempels der Projektion der Sehnsucht

und die (Zen-) Leichtigkeit des milden Schattens eines Papierschirms (oder der sich drehenden Schirme lustwandelnder Damen in der Szenerie eines hochsommerlichen Barock-Gartens à la „Die Wahlverwandschaften“).

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Mo, 03.08.2020

In der Gruppentherapie, wo heute Suchtdruck und Suchtverlagerung Thema sind, sage ich, Sucht sei Kompensation für einen empfundenen Mangel. Da in der Abstinenz ein weiterer Mangel hinzukommt, nämlich der an dem vorher (neben den ungesunden Folgen des Konsums) auch entlastend wirkenden Suchtmittel, verlagert sich die Sucht auf ein anderes Mittel, das beide Mängel kompensiert, den ursprünglichen und den durch die Abstinenz neu hinzugetretenen. Der Therapeut kräuselt die Stirn und fragt mich und in die Runde, welches denn der „ursprüngliche“ Mangel sei (und wie eins sich „den Kick auch woanders holen kann“). Interessant, dass ich darauf keine oder ganz viele Antworten weiß. Der Mangel war (und ist) ein allgemeiner, ein weitgreifendes Ungenügen am Leben, dass sich vielfach manifestiert(e). Ich nenne als Beispiel den – in Zeiten der Pandemie noch frapanter gewordenen – Mangel an körperlichen Berührungen. Kaum noch Umarmungen, keine Küssse mehr, keine Zärtlichkeit, keine Möglichkeit zu „schnuppern“. Ja, echte Berührungen, die seien enorm wichtig, stimmt der Therapeut zu. „Sich als Mann und begehrt fühlen“, ergänzt er mit strahlenden Augen. Recht hat er! Auch das. Aber ich weiß noch nicht mal, wie das geht. (Wie bekommt eins Sex?) Wieder zuhause habe ich Männerfantasien, die ich mir aber nicht erlauben mag. Verzicht aus politischen Gründen. Aber eben auch ein weiterer Mangel, Gefühl der Begrenzheit, Gefangenschaft, Verlorenheit (nicht nur in der Unerfülltheit des Begehrens, auch in meinen verbotenen Fantasien). Und dann läuft sie wieder an, meine Ideologie-Mühle rund um das „not for me“ …

((SIE hatte neulich am Telefon benannt, was ihr fehle: Ein Mann mit Auto, Geld und am besten noch Haus, einer, der Sicherheit (auch solche äußere, neben der inneren durch „Wissen, wo’s lang gehen kann“) geben könne. Ich denke mit Schmerzen (und dem alten Gefühl des Ungenügens, daher auch gekränkt), dass ich nichts davon bieten kann, was sie in ihrer seit Monaten andauernden Not braucht. Und dann denke ich, dass ich ihr es natürlich gönnen würde, wenn sie so einen fände. Und das ist dann Suchtverlagerung von der Sehnsucht auf das gute Gefühl des edlen Verzichts auf sie und ihre Liebe. Stoff für einen schlechten Roman …))

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So, 02.08.2020

Erzählen 3.0: Im Telefonat mit IHR erzähle ich vom Erzählen, genauer: meiner Schwierigkeit, etwas zu erzählen. Diese Schwierigkeit besteht nicht darin, dass ich nichts von mir erzählen mag, sondern dass ich mit dem Modus Erzählen nicht erst neuerdings ein grundsätzliches Problem habe. Schon früher interessierten mich linear erzählte Texte wenig. Erst wenn sie das Erzählen problematisierten und daraus neue Formen des (nicht-linearen) Erzählens entwickelten, etwa Joyce im „Ulysses“ oder Arno Schmidt mit seiner Mehrspalten- und Snapshot-Texte. Ich benannte diese Schwierigkeit mit „Ich habe nichts zu erzählen“ (vielleicht sogar „nichts zu sagen“). Nur im Traum gelingt es mir, wenigstens mir selbst etwas zu erzählen. Im Moment des Aufschreibens (oder Diktierens in die Stenorette) kurz nach dem Aufwachen aber löst sich die zu erzählende Traumgeschichte auf. Wie bei der Unschärferelation, wo Ort und Impuls nicht gleichzeitig exakt bestimmbar sind, immer nur eines von beiden, wo also der Messvorgang die Messung verfälscht, unscharf macht, zerstört der Vorgang des Erzählens die zu erzählende Geschichte. Ich bin mir nicht sicher, ob das nur ein Phänomen mangelnder Konzentration bzw. mangelnden (Selbst-) Verständnisses ist. Womöglich entsteht das Problem auch, wenn ich mein Leben lebe, indem ich es erzähle, das Leben aber andererseits nicht erzählbar (also nicht lebbar?) ist, jedenfalls nicht linear, nicht scharf abgebildet (und abbildbar).

SIE hört sich das geduldig an, wenn ich so ins Theoretisieren gerate, wenn ich poetologische Ontologie betreibe. Sie hofft wie ich, dass sie dabei etwas von mir erfährt. (Wir beide mögen die Frage „Wie geht es dir? Was machst du?“ nicht.) Hinterher fühle ich mich verheddert wie nach dem vergeblichen Versuch, einen Traum aufzuschreiben.

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Sa, 01.08.2020

Abends auf dem Weg vom Einkaufen liegen vor meinem früheren Wohnhaus (Waisenhofstraße, Ecke Muhliusstraße) zwei gefällte Betonpoller. Am 16.07. hatte ich an anderem Ort schon so einen entdeckt (er lag auf meinem Weg wie jetzt dieser auch) und empfand das als symbolisch und daher buchenswert. Die Erzählung zu dem Poller hier fehlt, bzw. ich erzähle sie (noch) nicht, obwohl der Algenbewuchs des Pollers, der an einen Baumstamm erinnert, andeutet, dass der Poller eine lange Geschichte des dort Stehens hinter sich hat, die sehr wahrscheinlich (noch) niemand erzählt hat. Sie ist auch nicht ereignisreich, es sei denn Ereignisse, die sich in den Häusern rund um den Poller (unabhängig von ihm, es sei denn seine Gleichzeitigkeit) ereignet haben. (Nebenbei: Ich frage mich, warum in dem Wort „Ereignis“ etwas von „eigen“ steckt – vielleicht sogar „Eigensinn“?) Das durch das Fällen aufgeworfene Pflaster jedenfalls zeugt von einiger Dramatik des vorläufigen Endes nach jahrzehntelanger standhafter Bewegungslosigkeit.

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Fr, 31.07.2020

Beim Besuch beim Vater sitzen wir unter dem Sonnenschirm. Eine Libelle fliegt heran und hängt sich an die Schirmspinne, um auszuruhen. Sie ist reglos, stellt sich tot, sogar, wenn man ihren Hinterleib berührt. Ich fotografiere sie und denke: „crucified angel“. Das ist die Erzählung an diesem Tag, nicht die, die da heißt: „Ich habe im väterlichen Garten den Rasen gemäht.“ (Obwohl dem Garten Eden die Kreuzigung bereits einbeschrieben ist.)

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