der ausbruch des toba

dem ausbruch des toba folgten aschewolken,
die alles erstickten – in einer art beton –
ist im begriff auszusterben.

wie aber ausbruch, katastrophe
als anbeginn? wie also das
ewige verharren?

der toba explodierte,
wir aber nicht, blieben die zündschnur
am dynamit, den stangen aus …

… vielleicht nitro und glyzerin,
das sichere, wenn es auf explosion
zugeht, in sicherem abstand.

denn wir gehen so rasch,
wie wir gekommen,
nichts hält uns außer

im dazwischen, da wo
die detonation innehält,
etwas noch sagt vor dem inferno.

ihr aber, so ihr noch zündet,
gewähret unser die löschung
der zeit und uns’rer davor.

(170806)

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des sich erinnerns

die sprachgestalt des sich erinnerns
das wehen im gewehwehweh des sturms,
im fördewasserglas des wimmerns,
an mauern dieses turms.

die frauen, ja, die lieben,
der harem eines dichters sangs.
und wären wir, die das betrieben,
wir wären lobende des angefangs,

der vor dem ende, lange, sänge
noch von solchem angefüge,
das brächte aus der ferne in die enge
die wahrheit in die fuge jener lüge.

wie war erinnerung, ein bild von gestern,
dies wild aus leben,
dies sich verschwestern
mit gebrüdern und vergeben?

wir sangen,
wie wir das angefangen,
in diesem einen wort und vers,
auf dass gelangen wir ins rückgewärts.

(170721)

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ich höre

„Es gibt ein Mädchen, dem möchte ich die Angst für alle Zeit wegstreicheln.“ (Klavki: „Der Wolkenhändler“)

ich höre mich greinen
an der seite der frauen,
die in meinem leben sind,
die mich verstehen,

wenn ich weine und klage.
denn ich habe nichts zu klagen,
alles ist gut.
ich bin gut.

ich höre mich greinen
über mein gutmenschentum,
das kein schimpfwort ist,
sag’s aber nicht, weil ich’s

nur höre im innern,
das greinen, das wehklagen,
wissend, ich werd’ all das
nicht tragen können.

ich höre mich greinen
in der nacht, die tränen der frauen
schmeck’ ich auf eigenen wangen
,
bin mir selbst nicht gewiss.

aber ich weiß, da sind die frauen,
die an meiner seite,
die wissend und tröstenden,
derweil ich zu trösten sie versuche.

ich höre das greinen
aus mir, es dauert mich
in den nächten, die
grundlose trauer.

aber ich weiß in dem greinen,
dass an meiner seite
und ganz nah hilfe ist
und zärtlichkeit.

und dennoch graue ich mir,
höre mich an beim weinen,
versinke so tief und bin den frauen
so nah wie mir fern.

(170709)

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kein grab (nirgends)

da ist kein grab, so auch kein steh’n an seinem rand.
die stoll’n der läufer, gegraben in den roten sand
der aschenbahn: sie komm’n nicht aus den löchern, nur in brand,
weil kein grab ist ihrem lauf verloren, noch verwandt.

so tief wie dieses, das sie versinkend denken
auf das ende hin, seh’n ’s untergeh’n, bevor es aufgegangen.
am ziel die mädchen fahnen nie mehr schwenken,
weil alles endet, lang’ bevor es angefangen:

da ist mein grab, so tief, so dunkel in dem traum und nacht.
das bin ich, der solche särge selbst sich zimmert,
ich selbst mein kreuzgehölzter wächter, der mich bewacht,
der mit mir greint und weint und singt und wimmert.

kein wasser ist für die verdorr’nde pflanze in der wüste.
denn wie die lilien auf dem trock’nen felde
und das vögeln zwischen aufgehüpftem deiner brüste
ist das letzte, daher erste meiner welt die bälde.

da ist kein grab, nur meine triste, schaukelnd wiege,
mein immer wieder anfang vor vertrautem ende.
wie kreisverkehr, geblocktes ruder an der wende
und dass ich dir solch’ liebe doch verschwiege.

(Soundtrack: Johnny Cash: „Ain’t No Grave“)

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fünf faden tief | elegie

(„full fathom five“, shakespeare: „the tempest“)

in den untergrund des meeres,
untern grund schauen
wir wie hans im unglück ins blauen
vom himmelnaseweißen ins tief vergrab’ne blau,
getarnt wie die flunder im sand,
bis wir von planck.ton besiedelte sind.

anbetende der kunst des versteckens,
(selbst) vergessens, selbst versenkender metapher:
drei sind wir, schließen daraus die koffer:
ein fisch, ein boot, ein versandungsbewusstsein.
fünf sind wir, kiemenschleusen wir dagegen:
ein schiff, eine chiffre, und drei weit’re chimärchen

am senkblei uns’rer bemoosten leiber,
bis das seegras über uns wächst,
wir ein selbes von unten anschauen
und die taucherglocken letztmals blasen schlagen.
in trunk’ner versunkenheit
wir buckeln gebeugt und beten den sand an,

wie er durch uns‘re uhren fließt
gleich dem meer in gezeiten.
denn uns hebt keine tide mehr vom grund
des riffs, das wir sind, besiedelt zu werden
als schweigende von den versen.
von weit schweigt sich das dunkle blau aus

dem schmeichelnden treibsand, am übergang
wir, die zukünftigen amphoren
aus zerschellten galeeren,
wo wir einst sprachen, als wir ruderten
noch gegen den strom der gespräche / gezeiten.
jetzt aber wird aus den wellen

das wiegende der seegrasenden,
korrodiert uns das scharfe salz
und dringt in die koffer die see,
die ewige, aus der alles leben,
jetzt unsere leiber buckeln,
schiffgebrüchige am grund der see.

in ihn gesät, sind wir. nichts aber trugen wir
noch mit uns, denn was in den koffer passte.
wir sind flaschenpost, versunken,
meer.junk.fräulich, „manuscript found in a bottle“,
die tinte darauf sich lösend allmählich
ins weitere weite der see.

[Soundtrack: Charles Trenet: „La Mer“]

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Aulike / Schwarck / Meyer lesen „Vom Warten“

Mitschnitt der Lesung am 6.6.2017 im Café Godot, Kiel:

Teil 1:

Texte von ögyr:

Weiterer Link: Deutschlandfunk Kultur: Über das Warten als soziales Alltagsphänomen (ögyr zitiert daraus ab 4:30)

Teil 2:

Texte von ögyr:

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der sommer

„das ist der sommer, dachte“ er,
das ist er, „der sommer“.
den zu übersommern
für die winter es gilt

und die witwer des lebens:
also den sommer.
denn wie schien der?
aus rotem, so dornig

und krone natürlich, das
kreuz wie den sommer tragend
und so durch den selben,
weil aus winter die nägel sind.

die aber wachsen, sagt der sommer, auch
dann noch: du schneidest
sie einst von dem frühling.

denn das ist der sommer,
der heiße ’95, der – trüber – ’96,
der ’02, dann danach ’03, ’09 …
auf jeden herbst folgend der sommer.

(170531)

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stairs & stripes

stufen | streifen
schatten | schlichten
stangen | stützen
schreiben | schriften
stillen | stimmen
schlüpfen | schlafen

(170527)

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turm #1

stand ich oder saß ich an ihm, träumte
von dem turm, an schlafend halbem grund
und halber höhe, der ich ganze räumte
ein, auf dass das recken sei verschwund?

mir schien’s als wette auf den letzten schlag
des blitzes im gewitter oder röhren,
rock’n’rollend, wie der luft ich’s wag,
dies rohrgedommel auf mich einzuschwören.

ich stand nicht, und ich saß nicht, denn ich lag,
war schlaf, getaucht ins wehende, das licht.
die erste und die letzte nacht – ein tag

war ich und bin demselben sein verzicht.
von weither scheint’s und ist die sommernacht:
halb steht, halb sitzt sie oder träumt mich wach.

(170523)

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warten

worauf ich warte, sendet arte
natürlich nicht, doch find’t
sich manches in der mediathek.

bewegungslos ist nicht dein schoß,
du schön’, auf die errötend
ich zwischen da- und dermals warte.

und zuckt auch noch mein steifer stift
mit ord’ntlich tinte auf dem füller,
als wär’ in deinem schritt

das anverwandte, das ihn hüller
ins innere verkehrt,
nach außen schauend dich doch ehrt.

wir beide warten, bis der pfeffer weht
an uns’ren näheren gestaden,
in uns’rer beider schlaf und hafen.

(170516 | für j)

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