Do, 09.01.2020, 21:49

Aus der Mitwisserecke: Es geht dieser Tage um Verschwinden. Menschen verschwinden oder etwas verschwindet. Ich lausche etwas in die Stille hinein. Ein Funkentelegraf, old school. Ein Satz wie ein Staken im Wattenmeer, den man nur bei Ebbe sieht, der bei Flut verschwindet, bei steigendem Meeresspiegel für immer. Und jaja, seufzseufz … steigende Tränenflut. Ich habe nicht nur Mitleid, sondern Mitschwäche, bin in Sachen Verschwinden Mitwisser. Deshalb esse ich auch immer noch alles brav auf, damit gutes Wetter wird. Es wird trotzdem kein gutes Wetter. Licht verschwindet nicht, es geht gar nicht erst auf. Ich bin wieder sehr weit im Dunkeln. Dort überlege ich, welche Kanäle noch funktionieren. Wie kann ich etwa in einem erzählenden Text eine Botschaft an SIE verbergen, eine, die ankommt, ohne allzu offensichtlich zu sein? Wie moduliere ich ein Signal auf die Trägerfrequenz des Textes? Ich zappe durch alte Mails, wer wo Prinzessin ist. Ich fraß mich durch die ganze Speisekarte von B wie Bauernfrühstück bis A wie Abendmahl.

>> 09.01.2010
>> 09.01.2000
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Mi, 08.01.2020, 21:55

Stille als Stillstand empfunden. Ein aushaltbares, gleichwohl beunruhigendes Gefühl. (Von ihr: Funkstille. Von mir: Füllfunk.)

>> 08.01.2010
>> 08.01.2000
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Di, 07.01.2020, 21:47

Platzhalter. Verwirrung. Keine Umarmung.

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>> 07.01.2000
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Mo, 06.01.2020, 22:25

Nach den Feiertagen das erste Mal wieder Therapiesitzung. Das sterile Neonlicht von oben wie in einem Verhörraum. Ist aber kein Verhörraum, sondern ein Zuhörraum. Ich fühle mich dort – trotz des unangenehmen Lichts – aufgehoben, angenommen mit all den Verheerungen und Verzweiflungen, weil alle dort zwar nicht dieselben, aber doch sehr ähnliche Verheerungen und Verzweiflungen haben, erfahren sind im Scheitern und in den „Mühen der Ebenen“ (Brecht). Hier unter den Süchtigen, zufällig zusammengewürfelten Schiffbrüchigen in einem Rettungsboot, Notgemeinschaft, muss ich nichts darstellen, nichts sein, und also kann ich sein, wirke auf mich selbst authentisch.

Gemeinsam erforschen wir im Gespräch, was Sucht ist, wer wir mit und in ihr sind. Ich erzähle, wie ich die Sucht als Modus des Seins erlebe, der all mein Sein durchwebt. Und zwar als Maßlosigkeit. Ich bin in allem maßlos, nie im Gleichgewicht. Zu viel Drogen, zu viel Arbeit, zu viel Essen, zu viel Lieben …, zu wenig Struktur, zu wenig Selbstachtung, zu wenig Disziplin … Und – das kommt bei mir hinzu – das in allem besonders und anders sein Wollen, auf keinen Fall Mittelmaß, sondern maßlos.

>> 06.01.2010
>> 06.01.2000
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So, 05.01.2020, 21:17

„Mich reißen Ströme nur mit, keiner bin ich“, legte ich Volker MERz in den Mund, auch so ein alter ego, so „Literatur“. Heute passt das aber wieder, denn was am Tag geschieht, durch was die Zeit strömt, bin ich nicht nur nicht, es scheint auch ganz abständig. Der „stream of consciousness“ plätschert (oder auch schwojt) in entfernten Nebenarmen. Etwa grübele ich über eine Eigenart ihres Sprechens. Sie sagt z.B. „Ich mag einen Cappuccino“ statt „Ich möchte einen Cappuccino“. Mögen und Wollen treten dabei in Bedeutungsschwingung. Wenn ich als Kind kundtat, dass ich etwas wolle, wurde ich ermahnt, ich solle nicht „Ich will“, sondern „Ich möchte“ sagen, das sei höflicher. Noch höflicher: „Ich möchte bitte“. Auch zum Bitten beim Wollen, genauer: beim Mögen, wurde ich ermahnt. Sie sagt nun: „Ich mag ins Kino gehen“. Das ist noch höflicher, noch weniger drängend, es drückt lediglich eine Vorliebe aus, kein bestimmendes Wollen. Der Satz ist vorsichtig. Auch sage ich bei einer Bestellung: „Ich hätte gerne eine Pizza soundso.“ Mein Wunsch steht im Konjunktiv, es ist auch nur ein Wunsch, kein als solches formuliertes Wollen. Wünsche können nicht in Erfüllung gehen. Sogar oft erfüllen sie sich nicht oder werden nicht erfüllt. Die Enttäuschung ist schon im Möglichkeitssinn des lediglich Mögens eingebettet. Eine Art Bescheidenheit, eine Entschuldigung für das Wollen, Begehren. Ich drehe ihren Satz versuchsweise um: „Ich mag dich nicht.“ Und das klingt ungleich ernüchternder, bestürzender als „Ich will dich nicht.“

>> 05.01.2010
>> 05.01.2000
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Sa, 04.01.2020, 21:08

Die Kontaktkanäle erscheinen ihr nicht geeignet für Austausch, zu fern, zu nah, zu langsam wie die Post, zu schnell wie Hyperfunk. Und eigentlich hat sie in allem, was ständig zu tun ist, auch gar keine Zeit dafür. Nicht anders ich: Für Sehnsucht gibt es keinen passenden Kanal. Genauer, er ist mir verlustig gegangen, seit ich nicht mehr schreibe. Für Flaschenpost müssten erst Flaschen leer getrunken werden, für Kassiber fehlt das Papier, die abgerissene Ecke einer Buchseite oder die Rückseite einer zerknautschten Fahrkarte. Jetzt also wieder dieser Kanal hier wie schon vor zehn und vor zwanzig Jahren. Extrem unsicher, ob die Nachricht darüber ankommt, auch, ob es überhaupt eine Nachricht ist. Und wenn ja, ist es dann eine für sie oder für mich – oder für wen?

>> 04.01.2010
>> 04.01.2000
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Fr, 03.01.2020, 22:34

Die Zeit bewegt sich, indem sie die Bilder in Schwung bringt, genauso die Luft in Klang beschwingt.

>> 03.01.2010
>> 03.01.2000
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Do, 02.01.2020, 21:17

Feuchte und trockene Feigen. Wikipedia-Artikel über Feigen dazu gelesen, während des Verzehrs. The Beast in Me for Cash.

>> 02.01.2010
>> 02.01.2000
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Mi, 01.01.2020, 22:05

Das Gesicht einer zweifelnden Frau flüchtig im Vorübergehen wie in einem Augenblick der Zeitlupe.

>> 01.01.2010
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oder reset

oder die blätter, jetzt grün, noch in falten gelegt,
flimmern sie wie kerfen im kinolicht,
wo wiederum staub in den kegeln taumelnder lebt,
sich unversichert vom jen- in sein daseits bewegt.

oder die blüten, auf schirme farben gespannt;
oder fallschirme, kurz vor der höhe bericht
von den gesetzen des fallens, damit verwandt,
wie falter in mondscheines bleiche torkelnd verbrannt.

was aber sagt sich da durch die sichtbare schicht
oder verzerrt und verzehrt totalreflektiert
an brüchigen wänden süchtig pulsender adern?

oder reset, nochmal üben. schreiben gebiert
papiermüll, durchwühlt nach davor, vor dem jüngsten gedicht.
ich schau’ nach dem soll nicht mehr, doch nach dem haben.

(190526)

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