fünf faden tief | elegie

(„full fathom five“, shakespeare: „the tempest“)

in den untergrund des meeres,
untern grund schauen
wir wie hans im unglück ins blauen
vom himmelnaseweißen ins tief vergrab’ne blau,
getarnt wie die flunder im sand,
bis wir von planck.ton besiedelte sind.

anbetende der kunst des versteckens,
(selbst) vergessens, selbst versenkender metapher:
drei sind wir, schließen daraus die koffer:
ein fisch, ein boot, ein versandungsbewusstsein.
fünf sind wir, kiemenschleusen wir dagegen:
ein schiff, eine chiffre, und drei weit’re chimärchen

am senkblei uns’rer bemoosten leiber,
bis das seegras über uns wächst,
wir ein selbes von unten anschauen
und die taucherglocken letztmals blasen schlagen.
in trunk’ner versunkenheit
wir buckeln gebeugt und beten den sand an,

wie er durch uns‘re uhren fließt
gleich dem meer in gezeiten.
denn uns hebt keine tide mehr vom grund
des riffs, das wir sind, besiedelt zu werden
als schweigende von den versen.
von weit schweigt sich das dunkle blau aus

dem schmeichelnden treibsand, am übergang
wir, die zukünftigen amphoren
aus zerschellten galeeren,
wo wir einst sprachen, als wir ruderten
noch gegen den strom der gespräche / gezeiten.
jetzt aber wird aus den wellen

das wiegende der seegrasenden,
korrodiert uns das scharfe salz
und dringt in die koffer die see,
die ewige, aus der alles leben,
jetzt unsere leiber buckeln,
schiffgebrüchige am grund der see.

in ihn gesät, sind wir. nichts aber trugen wir
noch mit uns, denn was in den koffer passte.
wir sind flaschenpost, versunken,
meer.junk.fräulich, „manuscript found in a bottle“,
die tinte darauf sich lösend allmählich
ins weitere weite der see.

[Soundtrack: Charles Trenet: „La Mer“]

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Aulike / Schwarck / Meyer lesen „Vom Warten“

Mitschnitt der Lesung am 6.6.2017 im Café Godot, Kiel:

Teil 1:

Texte von ögyr:

Weiterer Link: Deutschlandfunk Kultur: Über das Warten als soziales Alltagsphänomen (ögyr zitiert daraus ab 4:30)

Teil 2:

Texte von ögyr:

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der sommer

„das ist der sommer, dachte“ er,
das ist er, „der sommer“.
den zu übersommern
für die winter es gilt

und die witwer des lebens:
also den sommer.
denn wie schien der?
aus rotem, so dornig

und krone natürlich, das
kreuz wie den sommer tragend
und so durch den selben,
weil aus winter die nägel sind.

die aber wachsen, sagt der sommer, auch
dann noch: du schneidest
sie einst von dem frühling.

denn das ist der sommer,
der heiße ’95, der – trüber – ’96,
der ’02, dann danach ’03, ’09 …
auf jeden herbst folgend der sommer.

(170531)

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stairs & stripes

stufen | streifen
schatten | schlichten
stangen | stützen
schreiben | schriften
stillen | stimmen
schlüpfen | schlafen

(170527)

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turm #1

stand ich oder saß ich an ihm, träumte
von dem turm, an schlafend halbem grund
und halber höhe, der ich ganze räumte
ein, auf dass das recken sei verschwund?

mir schien’s als wette auf den letzten schlag
des blitzes im gewitter oder röhren,
rock’n’rollend, wie der luft ich’s wag,
dies rohrgedommel auf mich einzuschwören.

ich stand nicht, und ich saß nicht, denn ich lag,
war schlaf, getaucht ins wehende, das licht.
die erste und die letzte nacht – ein tag

war ich und bin demselben sein verzicht.
von weither scheint’s und ist die sommernacht:
halb steht, halb sitzt sie oder träumt mich wach.

(170523)

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warten

worauf ich warte, sendet arte
natürlich nicht, doch find’t
sich manches in der mediathek.

bewegungslos ist nicht dein schoß,
du schön’, auf die errötend
ich zwischen da- und dermals warte.

und zuckt auch noch mein steifer stift
mit ord’ntlich tinte auf dem füller,
als wär’ in deinem schritt

das anverwandte, das ihn hüller
ins innere verkehrt,
nach außen schauend dich doch ehrt.

wir beide warten, bis der pfeffer weht
an uns’ren näheren gestaden,
in uns’rer beider schlaf und hafen.

(170516 | für j)

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keine(r) da

keine da, keiner war,
nur ich, der mir glich.
jede liebt, jeder lebt,
doch ich nicht

„not for me“

nur noch ich, der liebte,
blieb allein und schrieb,
was ich sagte wie beklagte,
was mir schien, wie einst in wien

„not for me“

freud’ auf deiner couch,
statt dass mich knautscht
und darauf knutschte,
wo ich verpfuschte

„not for me“

liebe lang und unverwandt,
im traum und raum verlangt,
fällt mir leicht und nicht mehr schwer,
denn ich komm’ vom leiden her

„not for me“

wie wird das enden, aus den händen?
sand aus der zerbroch’nen uhr,
im glas noch allererster schwur,
dass ich werd’s anders wenden

„not for me“

keine(r) da, die mitempfände,
was mir fehlt und meinem mangel,
was ich schrieb an alle wände
meiner zelle und im wandel

„not for me“

(hannover: 170430, kiel: 170512)

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die vögel 1

16.4., 19:31: von der Pohnsdorfer Stauung:
Trockenes Wetter, nette Leute.
Viele gut zu sehende Krick- und Schnatterenten, natürlich Stock- u. Reiherenten, Grau- und Kanadagänse, paar Graureiher, etliche Silberreiher (die immer weniger scheu sind anscheinend).
Ein Schwarm Bekassinen, Kiebitze und die ersten Rauchschwalben.
Ein Paar Rohrweihen. Kurz mal Seeadler.
Toll: ein Fischadler, sehr selten zu sehen, vermutlich auf dem Durchzug aus dem Winterquartier.
Singende Mönchsgrasmücken.

17.4., 12:37: aus der Schilkseer Au:
Kalt, aber gute Sicht.
Wunderbar viele Löffelenten, natürlich Stock-, Schnatter-, Reiher-, Schell- und Tafelenten. Grau-, Kanada- und diesmal auch Brandgänse. Keine Krickenten zu sehen.
Etliche Zwergtaucher, zweimal Rothalstaucher!
Herrliche Gesangsduelle der Mönchsgrasmücken.
Schwanzmeise.

2.5., 15:44: vom Friedhof Eichhof:
Morgens nur auf dem Urnenfriedhof, sonnig, windig, kalt.
19 Arten insgesamt, die üblichen. Gartengrasmücke beim Mühlenweg?
Abends Rundgang in der südlichen Parkhälfte, noch windiger, vermutlich deswegen wenig Gesang. Schön: Kleiber am und im Nistkasten. Schwanzmeisen.

10.5., 10:41: auf Rügen:
5. bis 7. Mai auf Rügen: Um nach 55 Jahren endlich eine Bartmeise zu sehen.
Tag 1: nix Dolles, Milane, Rohrammern.
Tag 2: Bartmeisen aus kurzer Distanz, dank Susannes Geduld.
Braunkehlchen, Schilfrohrsänger, Steinschmätzer, schließlich Schwarzkehlchen. Uferschwalben.
Ausdauernd singender Bluthänfling, zauberhafter Anblick, überall Fitisse.
Haus- und Gartenrotschwanz auf demselben Zaun, noch nie so gesehen.
Tag 3 – der Hammer: Grauammer, singt in Dünen auf Weißdorn und Rosen.

(nach mails von kollege und genosse dr. jörg feldner)

links:

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astronomisches ereignis

„es ist davon auszugehen, dass der stein denkt“ (rainald goetz)

es ist davon auszugehen,
dass dies ein einmaliges
astronomisches ereignis ist:

sonnenstand so nur am 16. april
und – in sonnenlaufes wiederkehr –
im frühherbst, 26. august.

unwahrscheinlich – auch in den nächsten
jahren –, dass an beiden tagen
selben sonnenstands

dasselbe wetter ist, gewittrig,
schwarze wolken im hintergrund,
regen und daher bogen.

also vermutlich einmalig
in diesem leben. die kamera,
das einzige bild, einmalig.

ein astronomisches ereignis:
ich dabei einzig beobachtend,
bei mir die einzig zusehenden.

((vermerkt im datumsblatt:
wir aßen spargel, gekocht und gebraten,
roastbeef, dörrwürste vom rind.
))

(170417)

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TITANIC 105

Vor 105 Jahren, in der Nacht vom 14. auf den 15. April 1912, sank die Titanic nach einer Kollision mit einem Eisberg im Nord-Atlantik. Sie galt als unsinkbar, aber schon das beginnende 20. Jahrhundert – wie wiederum das 21., weil ein Untergang dem nächsten rät – setzte zum Untergang an … Das Lese-Trio Nils Aulike, Matthias Wilms und ögyr hat diesem menetekelnden Jahrhundertereignis vor genau fünf Jahren in der hansa48 (Kiel) ein „Denkmal“ gesetzt, das aus aktuellem Anlass hier nocheinmal zugänglich gemacht wird.

Frank Peter porträtierte uns damals bei der Lesung …

Nils Aulike:

Matthias Wilms:

ögyr (Jörg Meyer):


TITANIC 100

oder: „Wie rät ein Untergang dem nächsten?“

Lesung am 14. April 2012 in der hansa48 (Kiel) mit Nils Aulike, Matthias Wilms und ögyr (Jörg Meyer)

Live-Aufzeichnung des Programms

1. Matthias Wilms (Lesung Off):
H. M. Enzensberger: „Der Untergang der Titanic, 1. Gesang“

2. Projektion:
ögyr: „blaue stunde / 14. april“ (prelude) (Text)

3. ögyr (Lesung):
ögyr: „zwischendeck“ (Text)

4. ögyr (Lesung):
ögyr: „wohl temperiert, atlantisches hoch“ (Text)

5. ögyr (Lesung):
ögyr: „… fabelhafter marconi“ (Text)

6. Matthias Wilms (Lesung):
E. F. Hansen: aus „Choral am Ende der Reise“ (S. 483)

7. Projektion:
ögyr: „löse meines schiffleins ruder“ (Text)

8. Nils Aulike (Lesung):
H. Melville: aus „Moby Dick“

9. Matthias Wilms (Lesung):
H. M. Enzensberger: „Der Untergang der Titanic, 8. Gesang“

+++ PAUSE (last song „songe d’automne“) +++

10. Projektion (Diashow / Lesung):
ögyr: „maßstabsgetreu“ (Text/Bilder)

11. Matthias Wilms (Lesung):
E. F. Hansen: aus „Choral am Ende der Reise“ (S. 218)

12. Nils Aulike (Lesung):
ögyr: „leckend“ (Text)

13. Matthias Wilms (Lesung):
ögyr: „eis am sonntagabend“ (Text)

14. Projektion:
ögyr: „meines schiffleins ruder“ (Text)

15. Nils Aulike (Lesung):
H. M. Enzensberger: „Der Untergang der Titanic, 14. Gesang“

16. Matthias Wilms (Lesung):
H. M. Enzensberger: „Der Untergang der Titanic, Apokalypse. Umbrisch, etwa 1490“

17. Nils Aulike (Lesung):
Weltkriegsgedichte

  • A. Lichtenstein: „Prophezeiung“ (1912)
  • A. Lichtenstein: „Die Fahrt nach der Irrenanstalt II“ (1912)
  • W. Owen: „Gleichnis von dem alten Mann und dem Jungen“ (Juli 1918)
  • W. Owen: „Dulce et decorum est“ (März 1918)
  • A. Stramm: „Sturmangriff“ (1915)
  • Philip Johnstone: „High Wood“ (1918)

18. Matthias Wilms (Lesung):
T. Mann: aus „Der Zauberberg“

19. Projektion:
ögyr: „singend gesunken“ (Text)

Links:

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