blühen | blüten

und deine zunge an meinen lippen:
schweig!, sagt sie und spricht:
dichte nicht, doch liebe mich!

die wetterwettbewerberinnen im tv
auf nackten füßen in sandals und high wedges
verkünden, dass wir uns erhitzen werden.

auf deiner stirn wie meiner
der morgen- und nachttau
wie schweiß, der das fenster öffnen möchte.

hört man uns dahindurch,
unser lüsternes flüstern?
wie weit dringt es in welt

als die botschaft der liebenden,
dass, wo sie sind, ist hoffnung
auf bess’rung der welt?

und was uns’rer zarten flüsse und quellen
dringt bis hin ins meer?
was schmecken die rochen von uns?

was riecht so wie deine blüten,
verbotene stempel, erlaubende blätter?
nichts, sag’ ich, versuch’s im vers zu verstehen.

nachtschattengewächse, tomatenerrötung
deiner scham, meiner wangen und eichel.
ich ernte die früchte, überreif dir.

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weicher und lichter und leichter

das weiche vom tage,
der weicht,
ist das sehnen und endlich verstehen,
das singen zu beginnen,
doch für einen langen moment vor den träumen
zu schweigen.

so mag es mit der liebe sein:
dass, spürst du sie,
nicht berührst,
wie sie in fernen noch wächst,
und du staunst, dass sie so ist:
betörend über alles beschwören

hinaus dich trägt und hinein
in die eindämmerung,
wo die letzten vögel singen
schlafbetrunken schon.
wie die sterne, die aufglimmen
in ihrer ferne.

je schwerer die zunge,
desto leichter die lippen,
die nicht mehr worten,
sondern küssen wollen.
und die augen senken die lider
stirn an stirn – und genau dann schauen dich an.

gereckte blicke,
auf’s ferne gestellt umso näher.
verstohlene wand’rung der finger
im ertasten so weise,
als wären ihn’n messtischblätter einbeschrieben
und weiße flecken auf karten erbunten.

dein widerspruch, die trauer der arbeit,
noch zu verrichten, wird hoffnung,
gebet, wenn’s so spät.
als stelltest du kerzen in fenster,
zu locken die düst’ren gespenster
aus dunklem ins leichtere licht.

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schlummer-filet 19: zu zart

er wird nicht gehen, wenn sie nicht kommt. er wird bleiben, wenn sie geht. denn wenn sie geht, dann kommt sie in den augenblick – er sagt, zu ihm. sie sieht ihn an und schweigt ins lächeln, wenn er redet, wenn er live auf ihre brust hin hat gedichtet, herz gezeichnet, wenn er sich echauffiert, wenn er glimmt und brennt für sie, wenn er sagt ihr (wie all die and’ren flüsterer), dass er sie „genauso“ liebt.

sie kennt das: männer sagen, dass sie lieben, weil sie meinen, dass sie dann in sie hinein dringen könnten. bei ihm, das merkt sie, ist es anders. er sei dafür „zu zart“, sagt sie. für all das, was ihr angetan. da gäb’ es videos … er möcht’ sie sehen. sie sagt: „du bist zu zart dafür.“

er aber fühlt, wenn er sie küsst am hals, an der schlagader, am ohr, wo ihr duft ist intensiv, wenn er dort ganz irr wird davon, sich vergisst, dass sie noch zarter ist. doch gewandt mit den gewalten der gewaltigen, der „wichser“, „ficker“. sie ist erfahren, gefangen, spürt er, mädchen noch, doch lang und oft genug schon frau.

sie beide nenn’n das „streicheln“, wenn sie in ferner nähe sich’s einander machen. ihr blowjob ist zu geübt, als dass er davon absehen könnte, wie sie sich dabei streichelt, zweifingergewandt. und als er’s sieht, kann er nicht kommen, er muss gehen in den traum von ihr.

er fasst sie an, ganz vorgesichtig, mit seinen fingern hin und weg unter ihr kleid. sie sieht ihn an dabei, flüstert „oh gott!“ er fragt, ob sie nachhaus’ gehen sollten. sie sagt ja, ich will, ja. auf dem weg ist sie ganz verwirrt von lust und angst. zuhause ziehen sie sich aus. sie haben keine zeit, schon gar keine ewigkeit, die jetzt, als kleine zumindest, notwendig wäre. sie sind schnell, sie kommt schnell, wenn er sie leckt, mehrmals. er nicht, er kann’s nicht so. und dennoch ist’s sein großes, tiefes glück.

als sie hernach sitzen, wo ihr kind leibesübungen macht, die sie bewundern, fasst sie wie zufällig seine hand. niemand sieht’s. sie ist vorsichtig und wie er „zu zart“ für diese große, große liebe. doch sie fasst seine hand, streicht darüber. und in dem moment hätte er ihr einen heiratsantrag gemacht. er hält sich zurück, er darf nicht überborden. doch er sieht sie an als braut, sieht ihren schleier – über ihren füßchen, die sie wissend ihm gezeigt und zeigt.

später im zug zurück, dichtet er. und schreibt ihr. lang ist sie nicht online. sein ewiges „ich liebe dich“ beantwortet sie nicht. denn er ist zu zart dafür. aber sie hat ihm etwas mitgegeben, was nach ihr duftet. aus der parfümerie – und ihrer scham.

er schnuppert d’ran, heimlich noch im zug, dann ist er sich gewiss: ich werd’ sie nie aus meinem herz mehr lassen. er schreibt ihr diesen satz nicht. er ist zu kitschig. wenn auch so wahr, so duftend nach ihr – wahr.

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träume

ich träume im
möglichkeitssinn,
nicht realistisch, aber
was möglich wäre,

müssen wir erst träumen:
um deine hand dich bitten,
meine gereicht so offen
im traum dir hin.

ich träum’ dich an,
dich umarmend,
dich schützend davor,
dass du sie zurückweist.

vielleicht musst du das –
im schutz vor schwärmern.
doch mein ansinn’n schreib’ ich
in deine welt.

ich träume, was
wir seien könnten:
ganz brav und bürgerlich.
ich träum’ vom nicht

un-, aber kaum möglichen.
so ist das mit den träumen,
sie träumen ganz real
die utopie, die träum’ ich weiter.

(180508 – tag der befreiung)

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vor den zeiten

was war, bevor die zeit im all begann,
bevor uns und danach die zeit selbst war?
was ist vor dem, als unser singen sang
und welchem waren all die jahre da?

sie waren bruchteil ihrer selbst wie wir,
war’n kaum die zeit, nur deren anbeginn.
die zeit war damals unbefangen schier,
sie tickt’ seither wie uhren ihr’n gewinn.

und doch gibt zeit uns ihre drängend kraft.
wir sind noch jung, schon sind wir von ihr alt
und staunen, wie sie uns sich hingebracht,

wie sie verrinnt und formt uns die gestalt.
sie sagt, dass wir wie sie vergehen müssen,
und doch umarmt sie mit sekundenküssen.

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meere | maria

„La mer / les a bercés / le long des golfes clairs / et d’une chanson d’amour, / la mer / a bercé mon cœur pour la vie.“

„Das Meer / hat sie umschmeichelt / entlang der klaren Meeresbuchten / und mit einem Liebeslied / hat das Meer / mein Herz beruhigt für mein ganzes Leben.“

(Charles Trenet)

DU bist das meer, und ich bin deine küste.
ich brand’ dir zu, wir geh’n an unser land.
DU bist das schiff und ich dein sich’rer hafen.
ich halte deinen ausgeworf’nen anker.

wir sind die mária in mondes wüste,
das feuchtgebiet, amphibien so verwandt.
wir sind die segel, die im winde schlafen,
sind seelenfrachter und der liebe tanker.

DU bist das meer, das dringt in meine buchten,
mit den’n ich deiner stürme well’n umfasse,
denn wir schau’n tief in uns’rer meere schluchten.

dein haar, noch nass, maría! duft nach bad –
auf dass ich’s meer nie mehr dem lied entlasse,
das mit dir singt und sinkt auf uns’rem pfad.

(180315 | pour maria)

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ode an die liebe

liebe ist ein unbedingtes,
daher göttlich ding, vom himmel
uns auf trübe erd’ gewinktes
mitten in all das gewimmel,
das uns fernt von uns’rer mitte.
liebe bringt uns jene wieder,
die verloren schien auf wippe,
wo wir schwankten schwer und bieder.

liebe sagt nichts, will nur fühlen,
worte sind nicht ihr im sinn.
ihre lippen sind zum wühlen
in dem, was du bist, ich bin.
aber liebe weiß von schwüren,
lispelt sie so sanft ins ohr,
wieder schlägt sie saiten lyren,
weiß die melodie zuvor.

liebe singt von hoffnung, glauben,
balanciert die heimat, trebe.
beide birgt sie in den lauben,
rankend zwischen blüt’ und rebe.
liebe geht, wenn sie gekommen,
weht, wohin sie uns geführt,
heimlich wächst, wo sie geronnen,
offenbar und jetzt durchfühlt.

liebe ist moment, nicht ewig,
ewig wird sie im moment.
liebe ist beginn, beschädigt,
anfang ist ihr fehlend’ end’.
hoffnung also und versuch,
immer wieder sie zu wagen.
liebe ist ein zärtlich fluch,
folgend ihm sind wir ihr fragen.

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in nacht und tag

die nacht nun wieder: jäh ein immer ja!
am tage dann das kleine leid, weil tag
und nicht die nacht, wo ehrlicher ist’s da.
als wär’ es so, dass nur in nacht ich wag’

das wilde, wirre: auf- und untergang.
die nacht, so sag’ ich aber, ist das wahre,
sie weiß vom ende als dem angefang,
von nachgeburt auf tages morgenbahre.

ich sang von jeher nacht-, statt tageslieder,
war mondes bleicher statt der sonnen schein,
doch bleib’ ihn’n treu, den nächten immer wieder.

denn was wir sind, am tage möchten sein,
ist in der nacht hernach so ganz verweht,
auch wenn’s am tag, der folgt, nur schüchtern steht.

Veröffentlicht unter 1 minute to the next whisky bar, d.day - keine nacht für niemand | Hinterlasse einen Kommentar

fünf vier

(„new no new age advanced ambient motor music machine“, „das lied schläft in der maschine“ – einstürzende neubauten)

drei, zwei und eins auf null: countdown! und wen’ger
als nach unendlich ist es nicht, das lied,
die fünf gefüßten verse: vier es biet’,
quartett den jahreszehenzeiten später.

und davon zwei, für kindheit, wachsen dann …,
der kleine tod am wendepunkt, ersehnt
in gegenwart und gegen jedes „wann?“
ins „jetzt!“ vielmehr, in diesen vers! – verschämt …

darauf verschwinden hinter text wie einst.
die verse jetzt ein flotter dreier eint,
der weiß, ach, um das leben, so beredt.

mit einem kuss nur möcht’ ich bei dir landen
die lippen stumm, weil scheu verliebt, erwählt,
auf fünf, vier, drei vereint mit dir zu tanzen.

… und die einstürzenden links aus jener nacht …:

Veröffentlicht unter ... und der titan nickte, 1 minute to the next whisky bar, kieler elegien, meisterjahre, wicked diary | Hinterlasse einen Kommentar

turm #3

mein turm, durch jahreszeiten angeschau,
ein hämmern an gerüsten und dort wehen:
wenn tage gehen, und die nacht ins grau,
werd’ ich dir an der seit’ und mauern stehen.

er läutet mir tagnächtlich jede stunde,
mein turm auf seiner sandversteinten wacht.
er geht in seinem schacht die neue runde
durch all’ die tage in die nächste nacht.

mein turm in nach(t)barschaft so sehr vertraut,
du wankst in bildern meiner kamera.
denn wo der himmel nachts und tages blaut,

steh’n du und dein geripp’, selbst wenn es graut.
so geh’n die steine hin ad aspera
wie ich, der dich in düst’ren wolken schaut.

(180107)

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