So, 16.08.2020

Sunrise.

>> 16.08.2010
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Mi, 12.08.2020

Da oben wäre jetzt das Fenster, wohinein der Abend sich verkriecht (oder: wohinein der Abend schlüpft). Auch so eine meiner Fantasien: Dachkammern. Dachkammern, in denen Frauen wohnen, in die ich verliebt bin. Wohin ich nicht die Treppe, sondern die steile „Stiege“ emporsteige. Und es ist Sommer, und es ist Abend, und ich komme aus der „wilden Welt“ (draußen brüllt der Sommer), und SIE hat ein leicht fallendes Kleid an, Hängerchen, und sie begrüßt mich barfuß, und sie hat mich erwartet, aber auch ein wenig nicht, denn sie mag es, wenn ich ungelegen komme, weil sie sich gerne ziert. Und es ist so warm unter dem Dach, und sie öffnet das Fenster oben unterm Dach, wohin ich von unten hinaufgeschaut hatte, sehnend schon, bevor ich sie kennenlernte, als sie aus dem Haus trat und fast über mich stolperte, der ich gerade vorbei ging, flanierte, zu Fenstern hochschauend, guck in die Luft, und es war in einem Sommer wie diesem gewesen. Und die Gardinen, Hängerchen, gehen im lauen Abendwind wie ihr Kleid, als ich und mein Atem darunter schlüpfen und sie fächeln. Und dann stehe ich am Fenster hoch über der stillen Seitenstraße, und unten ist das Grün so satt, so voller Fülle und wogend wie ein Meer, wir sind ein Meer. Und ich lese ihr das Gedicht, dessen einen Vers, den mit den drei Worten, den berühmten, die so anders klingen, meine Stimme sanfter, wenn ich sie IHR sage, ich unten vor dem Fenster in mein Notizbüchlein, das so zerfleddert ist, ein bisschen wie ich, das mit den getrockneten Wasserflecken, die es leicht wellen, gescribbelt hatte, für SIE, oder auch gleich mit weißem Strahl an die Hauswand, falls sie es so revoluzzerhaft mag, so auf- und hinbegehrend.

Und ich schaue auf.

>> 12.08.2010
>> 12.08.2000
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Di, 11.08.2020

In meiner fortgesetzten Nachspürsuche nach fotografisch oder filmisch abbildbarem Gefühl (oder als Trigger für die Erinnerung daran) tauchen bestimmte Motive emblematisch immer wieder auf, loopen sozusagen. Heute das Bild von Hohlweg und Bank – an der Kirche auf dem Weg zum REWE.

>> 11.08.2010
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Mo, 10.08.2020

In der Gruppentherapie wird wieder das Hohelied auf die Abstinenz gesungen, auf die neue „lebendige Fülle“, die es nach der „betäubenden“ Überfülle des Saufens gibt. Warun regt sich dagegen in mir so ein Widerstand, eine Aufmüpfigkeit, was Revoluzzerhaftes? Es ist etwas von früher, von dem Wunsch anders zu sein, indem ich es (revolutionär) anders sehe, indem ich eine neue Perspektive, Blickrichtung entwickele. Diese Mutwilligkeit darin, dies Fühlen gegen eigentlich besseres Wissen. Es ist ein „not for me“, das nicht den trauernden Gestus der letzten Zeit, sondern den des eigensinnigen Aufbegehrens, des dezidiert Gegenentwürflichen (auch im politischen Sinne – anti-kleinbürgerlich) des vierten und fünften Lebensjahrzehnts (schon damals verspätet pubertär) hat. Glücklicherweise halte ich mich in der Diskussion weitgehend zurück. Der Therapeut merkt das und zwinkert mir zu. Er hat Antennen für mein Glühen dann, für das Alte darin. Wogegen ich mich auch innerlich heftig wehre: als ein Mitpatient seine Frühzeit, zehn Jahre Philosophistudium, immer nur Denken statt Handeln, gleichzeitig aber überbordend dionysisch, im nachhinein und aus der Perspektive von heute – nunja, sowas wie – verdammt. Mir fällt ein: „Geschichtsrevisionismus an der eigenen Lebensgeschichte“.

Auf dem kurzen Weg nachhause skizziere ich das widerständige Gefühl (genauer und eigentlicher: den möglichen theoretischen Überbau dazu) mit philosophischem Vokabular in die Sprach-Memo-App: „Ich verzichte, also bin ich.“ (Maßlosigkeit und Verzicht.) Das ist gar nicht mal asketisch oder mönchisch gedacht. Eher erinnere ich mich an die Hesse-Lektüre mit 19, wahrscheinlich „Das Glasperlenspiel“, wo ich den Gegenentwurf fand, die Entsagung aufgrund der Unerfüllbarkeit der (Liebes-) Sehnsüchte. Also Verzicht aus einer Fülle heraus, weil das Füllhorn leckgeschlagen ist.

(Heute wäre die Mutter 85 geworden. In meinem (Ge-) Denken finde ich gerade keinen Platz für sie.)

>> 10.08.2010
>> 10.08.2000
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So, 09.08.2020

Next Loop: Prokrastination in der täglichen Schreibaufgabe hier, vom anvisierten Morgen, vor der Arbeitsarbeit, auf den Abend, nach der Arbeitsarbeit, und dann auf den nächsten Morgen vor der Arbeitsarbeit verschoben.

Schaue stattdessen Dokudrama über Kepler (und dann Galilei), über eine Zeit, als die Naturwissenschaft noch phänomenologisch statt reduktionistisch war. Loop des Nachnachvordenkens über die „Flugschrift“.

>> 09.08.2010
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Sa, 08.08.2020

Parole heute: „Lost in Loops“. Der Tagesverlauf während der Arbeit an der Arbeit (bzw. an der „Trauer der Arbeit, noch zu verrichten“) ist in der Arbeitswoche selbst ein Loop. Die Tage gleichen sich in den wiederholten Tätigkeitsrhythmen (Text korrekturlesen, Text einfließen lassen ins Layout, Umbruch bearbeiten, Bilder raussuchen, Bilder einfügen, Umbruch angleichen) und in den wegen der nur kurz möglichen Konzentration in den Loops der Arbeitsunterbrechung: Aufstehen, Zitronentee trinken, Gemüsestück oder Ölsardinen essen, raus auf den Balkon (ab ca. 13 Uhr, wenn dort Schatten ist), dort sitzen und den Loops der Tauben (Balz, Fressen als Übersprungshandlung, Ruhen unter dem Dachvorsprung, weil dort Schatten ist) zuschauen. Wenn es dunkel ist, die Sternen-, Planeten- und Mond-Loops anschauen. Kreisläufe.

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Fr, 07.08.2020

Auf dem Rückweg gestern im Hiroshima-Park noch Materialsammlung am (schon x-mal gefilmten) Wasserspiel. Heute das Gefühl dazu: Trunkenheit vs. Durst, Überfluss vs. Dürre, Sucht vs. Genuss, Schwimmen vs. Stranden (Abfolge des Schiffbruchs). Mir fällt das Schiller-Zitat zum Elegischen Distichon ein: „Im Hexameter steigt des Springquells silberne Säule, / Im Pentameter drauf fällt sie melodisch herab.“

Ich nenne es (daher) „Elegisches Distichon“.

>> 07.08.2010
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Do, 06.08.2020

Hiroshima-Tag, 75 Jahre: Nach Jahren gehe ich erstmals wieder zu der Gedenkfeier im Hiroshima-Park, einmal die Rathausstraße runter, gleich nebenan. Morgen beginnt die GEW-Woche, Layout der September-Ausgabe der „Zeitschrift für Erziehung und Wissenschaft in Schleswig-Holstein“, Schwerpunktthema Friedenserziehung. Dafür brauche ich noch ein Titelbild: die Lotusblüten auf dem Kleinen Kiel, Gedenkritual beim Hiroshima-Tag.

Früher, zu Politzeiten, war ich jedes Jahr da. Eilig als Parteisoldat. Gegenpropaganda, Gegenöffentlichkeiten schaffen. Flugis gegen den (Atom-) Krieg verteilen, für Sozialismus und gegen den Militärisch-Industriellen Komplex („MIR statt MIK!“). Das war so instrumentell wie jetzt auch, weil ich ja ein Foto für ein Arbeitsprodukt machen will.

Die alten Recken der Friedensbewegung. Das alte, ausgeblichene Banner letztes Jahr erneuert, aus Spendenmitteln. Inhalt immer noch derselbe – nicht etwa weil den Pax-Genoss*innen nichts Neues einfiele, sondern weil es immer noch 13.400 Atomraketen weltweit gibt, weil der Kalte Krieg nur zwischenzeitlich weg war, weil immer noch kein Frieden ist, weil „wir“ immer noch als Warner- und Mahner*innen unterwegs sein müssen, sisyphosische Kassandr*innen. Dennoch wirkt die Veranstaltung vergreist, nostalgisch, „ewig gestrig“ – wären da nicht die paar Fridays-for-Future-Jungaktivist*innen. Vor allem die *Innen, jung und aufbrüchig – und sommrig. Auch ewig gestrig, dass ich ihnen auf die Barfüße schaue, gedenkend nach unten. Und dass mir dabei auffällt, dass nach all den Jahren der Flipp-Flopp-Mode nun – wie davor-früher – Birki-Latschen en vogue sind.

Davon mache ich keine Fotos (obwohl das mit Tele reizvoll wäre).

Als die Lotusblüten aus Papier und mit Teelicht drin auf das kaum gewellte Wasser gesetzt werden, wird mein Blick anders. Früher fand ich das „kleinbürgerlich“, jetzt berührt es mich. Davon mache ich Fotos (zwar auch für die GEW-Zeitung vor allem aber in dem Modus seit einigen Tagen, Gefühle zu fotografieren). Die Lotusblüten treiben immer wieder ans Ufer, schwimmen nicht hinaus auf das grünschwarze Wasser. Als fürchteten sie sich vor der Weite (des aus ihrer Sicht Ozeans). Eins muss sie anstuppsen, aber sie treiben trotzdem immer wieder zurück, sammeln sich am Ufer, dicht gedrängt. Fotomotiv also mit der Tiefe der Weite (auch der Zeit).

Und ich gedenke, wie prägend für meine (politische) Sozialisation die ganze Atombomben-Geschichte war. „Pax optima rerum“, der Wahlspruch meiner Alma Mater. Und später, auch darauf fußend, die „Flugschrift“, in der wir einen erweiterten Friedensbegriff entwickelten, indem wir das herrschaftliche und objektivierende Denken als strukturelle Gewalt kritisierten. Auch das wirkt immer noch nach, wenn ich jetzt die Lotusblüten symbolisch, spirituell, ganzheitlich, vom Gefühl her betrachte. Das Private ist politisch – früher nur Spruch (von manchen Genoss*innen übrigens kritisiert), jetzt meine Revolution der Wahrnehmung und – ja – der Antastbarkeit.

>> 06.08.2010
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Mi, 05.08.2020

Weiter auf der Suche nach Gegebenem in der nahen, alltäglichen Umgebung, das sich emotional aufladen lässt, bzw. Gefühl ist, das ich erst in solchem Spiegel empfinde. Stimmungsbilder, (bewegtes wie bewegendes) Stillleben. Erst die „tapfere Distel“ auf dem Mauersims gegenüber der Nordostseite des Balkons. Ebenso bebend (und trocken) in den sanften Böen des Hochsommerwinds die sparsam Blühenden im „Zen-Garten“ am Galeria-Kaufhof-Gebäude (auf dem Weg zum Einkaufen im Netto in der Quer-Passage), ein dreieckiges Stück naturbelassener (aber wenig artenreicher, weil’s hier im Abgasdunst nur wenige Genügsame aushalten) Brache mitten zwischen Straße, sterilem Gebäude und der Pinkelecke unter den Rolltreppen. (An die Wand hat jemand „ZEN“ getaggt.). Ich mache ein Filmchen, das beim Bearbeiten immer karger wird. Effekte: „altes Schwarzweiß“, teilweise „Negativ“ und dann Einfärben. Tonspur schalte ich auf stumm. Durch die mehrfache Filterbearbeitung der Clips bilden sich digitale Artefakte, was mich an die in den Grenzbereichen nicht mehr determiniert arbeitenden Filter in einigen Kompositionen von Gerald Eckert erinnert. Da „drückt sich das Material durch“ (… ins Gefühl).

>> 05.08.2010
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Di, 04.08.2020

Nachtrag zu gestern: Ich dachte nochmal über meine Sehnsucht zu IHR nach und stellte fest, dass da sehr viel Projektion am Werke ist. Am Anfang war nur meine Verliebtheit, das ungestüme Begehren (und die waren noch am authentischsten, weil lebendigsten). Als sich das nicht befriedigen ließ, benannte ich es in das Abstraktum „Liebe“ um. Ein Komplex und Geflecht aus mehreren Vorstellungen, Narrativen und jeder Menge Ideologie, das ich fortan auf sie projizierte, um das Gefühl der Enttäuschung (wegen des unvollkommen befriedigten Begehrens) zu betäuben – (Sehn-) Suchtverlagerung. SIE sagte auch mal, es war ganz am Anfang, dass sie nicht so romantisch sei wie ich. Sie kann sich nämlich in ihrer bedrückenden Situation keine Romantik (kein „Wegdriften“, wie sie es nennt) leisten. Mir ist jetzt klar, dass eins sich Sehnsucht leisten können muss und dass einer wie ich, alleinstehend ohne Verantwortung für ein Kind, finanziell und mit schon ein ganzes Stück abbezahlter Eigentumswohnung einigermaßen abgesichert (mit einiger Wahrscheinlichkeit selbst fürs Alter), ungemein privilegiert ist. Leid als Luxus. (Das Sein bestimmt bekanntlich das Bewusstsein, wofür obiges ein treffliches Beispiel ist.)

Am Nachmittag erforsche ich weiter meine Befindlichkeit, projiziere sie fleißig in das Alltagserleben. Kurze Déjavùs flammen auf, etwa die angenehme Frischluftmüdigkeit und von der Sonne nachglühende Haut, die ich früher abends in den Sommerferien hatte, nachdem ich den ganzen Tag am Strand oder im großelterlichen Dessauer Garten verbracht hatte. Dies synästhetisch und schwer in Worte zu fassen, unsagbar (auch so ein Luxusproblem). Ich verfalle auf die Idee, die sich schon durch das ganze vorliegende di.gi.arium spult, nämlich dass ich das „Unsagbare“ besser im Bild erfassen, genauer: inszenieren könnte. Und zwar von Vorgefundenem. Auf dem Weg vom Einkaufen zwei Fotos in die Schaufensterdekoration zweier Boutiquen:

Die Schwere des Kapitells der Säule des Tempels der Projektion der Sehnsucht

und die (Zen-) Leichtigkeit des milden Schattens eines Papierschirms (oder der sich drehenden Schirme lustwandelnder Damen in der Szenerie eines hochsommerlichen Barock-Gartens à la „Die Wahlverwandschaften“).

>> 04.08.2010
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