der hemdwechsel

(„… öfter als die schuhe die länder wechselnd …“, b. brecht: „an die nachgeborenen“)

(„… ich bin nicht gern, wo ich herkomme. / ich bin nicht gern, wo ich hinfahre. / warum sehe ich den radwechsel / mit ungeduld?“, b. brecht: „der radwechsel“)

ich dusche mich nunmehr täglich
(seit geraumer zeit),
obwohl ich das selbst nicht für notwendig achte.
und wechsle jeden morgen das hemd.
nur meine wohnung,
in der ich nicht eigentlich wohne,
säubere ich noch zu selten
für unerwartete besuche.
man fragt mich: wie lange
willst du das provisorium
noch aufrecht erhalten?
und wechsle dennoch am morgen das hemd.

warum sehe ich
den fragen mit ernst entgegen?

ich achte auf mich,
so wie mir befohlen,
und dennoch ereilt mich achtung nicht.
befiehl mir, und ich gehorche,
es sei denn, ich soll nicht gehorchen.
und wechsle immer noch morgens das hemd.
verwechsle die feindschaft mit freundschaft
und gelte als gutmensch
bei allen.

doch wenn die hemden verbraucht,
wenn alle vorhand’nen
der schweiß der erfüllung
der forderung netzte,
dann leer ist der schrank
und staubig der boden
der wohnung, die ich nicht bewohnte.

und dennoch: am morgen
da wechselt mich das hemd,
da duscht mich die dusche,
da gehorchen mir die befehle.
und ich bin ein feind mir,
ein fremder im sauberen hemd.

(ögyr, 2000)

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Ein Kommentar zu der hemdwechsel

  1. Schulzeck sagt:

    Sehr lesenswert und dennoch seltsam.

    Helmut S.

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