vom eise und der finsternis #6

ein eisgang und der finsternis
seit sechzehn uhr schon dämmer /
ich bin seit morgens ungewiss
und rechne’s aus bös’ dem november.

dezembren auch. ich zähle noch die zeiten,
die jahre sind getaut und nicht mehr fremd,
wo zeit und eise sich den reim bereiten,
weil man es fröstelnd fühlt und kennt,

was nachkommt all den sommersonnen,
der herbste gold ein umso trüb’res grau.
das grab ist allem ehedem gewonnen
über jahreszeit und blendet schau

aus denen bessr’en tagen, so genannt.
es sind die guten tage, nächte,
das aus- und inverwandt,
der einblick in des dunkels schächte.

so schreiten wir auf dünnem eis,
einbrüchig in errötend blaue wasser
und sich erhöhend in ein kyrieeleis,
lebendig liebend: todes hasser.

Veröffentlicht unter vom eise und der finsternis | Hinterlasse einen Kommentar

vom eise und der finsternis #5

o, hoffnung, o mein anverhängnis,
mein anverwandt und auch dem sein:
wie wäre, was ich im gefängnis
gedichtet hatt’ gesund’rem schein?

vielleicht zu heut’ dem nebel,
des’ in dem kraut verzichten?
oder – horrorer – ein schädel,
an bellas beil zu legen das verrichten.

wie g’sagt, mein horrorscope,
das glück in mephistophler sphäre:
du fasst mich an, und vor dir log,
wer ich mich nach dir dann verzehrte.

und meer und eis geh’n and’re wege;
es bleibt ein rest, ein unbeding:
das eis, das um mich legt’ die hege,
es schmilzt am finger, dem durchblutet ring.

Veröffentlicht unter vom eise und der finsternis | Hinterlasse einen Kommentar

vom eise und der finsternis #4

was bliebe von mir, denn eisiges schweigen,
wenn mich des’ hand fasst und also verdammte?
ein bild vom am worte verscheiden
und sich ihm vereinen an finsterer kante.

so denk’ ich an dich, heute, am morgen;
das bleichere licht noch unter dem horrorgezont,
im traum mich bestürzend die sorgen,
was nach uns (und dir) dann noch kommt.

als schiede das eine vom anderen sich,
verbündet’ sich eis mit der sonne,
wo lichtes dem finsteren wich,
dem, was dann ist jenseits die wonne.

und schmölzen die gletscher,
läge der pol bald im wasser,
netzten den fischern die kescher
vermehrteren fang des’, was die hascher

versäumten, in maschen so blind.
es bliebe der hering,
die fadere hoffnung. und sind
sie beide bewohner des meeres von bering.

Veröffentlicht unter vom eise und der finsternis | Hinterlasse einen Kommentar

vom eise und der finsternis #3

es fliegen die schwarzen,
die krächzenden krähen
am schlimm’ren, den karzern,
vorbei in des himmels verwehen

an diesem novembrigen morgen.
es trinken die trunk’nen
und lüst’ren, in solchem verborgen,
ihr letztendlich glas, so versunken.

kein leuchtturm am schelf,
blinder sein aug’ an der küste.
kein traum kann befeuern sich selbst,
nur den schlaf: wenn der wüsste …

so lag ich an solchem gestade
und tränen, die froren mir
zu eis in meinem gefrage:
was wär’ ich, als solches, noch dir?

es flogen die vögel,
ihr schwarzes gefieder erwärmte
die dürreren knochen, vermöge
des seins, das sich ihrer verschwärmte.

Veröffentlicht unter vom eise und der finsternis | Hinterlasse einen Kommentar

vom eise und der finsternis #2

(ein hassgedicht den hassern)

„we have absolutely no option but to move forward“ (Ice-T)

i am the ice, motherfuckin’ T
i can’t put any care on the product.
in dieses eises zeit bin ich der sinn vom nie
und seiner symphony der fünfte akt.

act one: wir ringen auf uns zu dem pol und pool,
wir sind das eis in euren kalten herzen,
in euren drinks die older school
und reimen schlicht das heiß auf schmerzen.

act two: ihr seid das ungeschlacht
der populisten, strunzdumm ist dieses volk,
das uns einstmals bewacht,
in das gefängnis uns verfolgt.

act three: da ist der wendepunkt,
den ihr so hässlich schafftet
der mauer und der’n sturm, gefunkt,
wie ihr seither im ost wie westen fucktet –

act four: das völkchen neu gebor’n:
doch seid gewiss, dass wir nicht folgen
dem teutschen volk und sein’m gestorm,
doch werden’s lassend euch besorgen!

Veröffentlicht unter vom eise und der finsternis | Hinterlasse einen Kommentar

vom eise und der finsternis #1

vom eis befreit ist nicht der frühling,
allein die finsternis.
MEPHISTO ist auch nur ein findling,
fels in der brandung GOETH’scher licks.

eh’r SCOTT, der dann am pol,
nah südlichst’ end’ der welt, verendete.
im zelt noch und „fahr wohl!“
schrieb in sein tagebuch, verwendete

das pathos noch des lichtverwaisten,
wo also schwärzer ist die tinte
im kartenweiß, wohin sie reisten,
auf dass man neue eise finde.

’s ist AMUNDSEN, der vorher war am pol,
hisst’ flagg’ des nordland wegens.
und ARMSTRONG trat vor ALDRINs goal
dem mond ins staubig tor – vergebens.

denn wir entdecken welt
als ewig zweite garde.
wir dichten drittens nach am schelf,
sind viertens nachklangs schöner barde.

vom eis befreit sind eisig
auch uns’re letzten worte.
wir sind das laub und dürrer reisig,
wenn wir erzähl’n vom fernen orte.

Veröffentlicht unter vom eise und der finsternis | Hinterlasse einen Kommentar

epithel.epitaph

und wenn ich, schiene es noch,
senkte ins grab mein gedichtet gebein,
dann spräche aus knoch’
immerdar mein geweintes wie wein,

den man öffnet (so rot wie mein blut)
und ATMEN lässt, bevor du ihn trinkst.
denn was reimte ich? – hier ist es gut,
weil einst du mit mir darinnen versinkst.

und wenn ich, läse ich’s laut,
an solchem endlich verstürbe,
in das ich tief wie in gläser geschaut,
blieben uns würde – und bürde.

denn was ich geschrieben, bleibt länger
liegen in netzen und auf dem papier,
als wäre noch, denen ich schwänger
den leib, ihr geboren allhier.

so leb’ ich in solchem,
das ich GEWORTET,
verschenke den molchen
nicht meine zunge, verortet

in euren, die ihr dann zitiertet
das dürreste meines geverset:
gedenket mir nicht, doch wiehret
wie jenes TIER, wenn es gefährdet.

Veröffentlicht unter lyrik, NERO - oder die kunst | Hinterlasse einen Kommentar

nur ein wink

nur ein wink aus deinen händen,
nur ein wort auf deinen lippen
macht mich stark: aus allen ländern,
allen küsten, deren rippen

brach gelegen, jetzt ein port
gemacht, von dem wir aufgebrochen.
auch das skelett an fleisches ort,
wo’s klappert, dem wir anverflochten

als mensch und menschen einverstanden,
dass einer nicht des and’ren wolf,
doch sei ein hilf’ dem angelanden
an förden, buchten oder golf.

und ist’s auch, dass sie uns benennen
und hämen uns als gutgemensch:
es bleibt ein rest in dem bekennen:
ein kuss ist’s jenseits ihrer schänd’,

ein anvertrauen jeden tag
und auch in nacht, die schlimm verschlafen,
wo manchen noch am herzen lag,
was tickt durch facebooks telegrafen

nur als ein „like“. doch solches „like“
müsst’ allen sein, verwundeten,
den totgesagten, dass nicht schweigt
ein jeder so bekundeten

an eig’nen leidesliedern nur.
dass vielmehr wir und all’ versehrte
die hand uns reichten zu dem schwur:
WIR SIND, DIE KÄMPFEN UMS BEGEHRTE!

das ist der wink, den uns der wind,
geschicht’ und gegenwart … die hand
gereicht, dass wir sind taub und blind
nicht mehr für dieses NEUE LAND.

Veröffentlicht unter lyrik, NERO - oder die kunst | Hinterlasse einen Kommentar

wovon ich nicht weiß …

… weiß ich doch, wenn ich ehrlich bin.
was aber hieße „ehrlich“, weiß ich nicht.
ich spür’s, das über aller vers’ gewinn,
und welches darob mir die pflicht

den menschen bei mir ist: sie nicht verletzen,
sie hören an in ihr’m und also mein’m
zerwürfnis mit uns selbst, der welt. geheim
soll solches mir nicht sein. zu schätzen

ist das geschenk des wirklich lebens
fern der und mehr in meiner kunst.
die beiden waren nah gedacht, verwegens,
doch reimen sich nur als der schwund:

die zecherin die eine, jeden krug geleert,
der auf ihr wortzerlos’nes lipplein kam.
das andere, das spür’ ich, so beschwert,
ist von geburt am tode dran.

und deshalb mehr zu achten
als jeder kunst geworte und geschlängel:
dass meiner worte manche lachten;
kaum weniger als sündiges getändel.

wovon ich nicht weiß, jetzt gewusst,
mög’ euch und mir verständnis weiten.
nicht dass ich hätt’ am dichten lust,
nur das: es mög’ euch lieb’ bereiten.

Veröffentlicht unter flüchten oder standhalten, kieler elegien | Hinterlasse einen Kommentar

Aulike & Meyer lasen: Von der Zeit (Audio-Mitschnitt)

Der Vorleser Nils Aulike und der Autor Jörg Meyer (ögyr) lasen am 1.11.2016 im Kieler Künstlercafé Godot eigene und fremde Texte von der Zeit.

(Foto: Michael Kaniecki)

(Foto: Michael Kaniecki)

Was sie sei, mit dieser Frage beschäftigten sich seit Jahrhunderten Theologen und Philosophen. Ungreifbar und individuell, quälend langsam oder wie im Flug, ist die Zeit ein ganz eigener Weltenraum, in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, aber auch in der Erinnerung.

Aulike & Meyer nutzen den dehnbaren Begriff der Zeit für eine Reise durch die bestimmendste und zugleich flüchtigste Dimension der Welt. Oder, wie es der 2009 verstorbene Kieler Dichter Klavki formulierte: „Der Tod hat ein Datum. Das Leben nicht.“

Auf vielfachen Wunsch hier der Audio-Mitschnitt der Lesung:

Teil 1 (48 Min.):

Teil 2 (37 Min.):

Und hier Links zu den dabei gelesenen Original-Texten von ögyr:

Veröffentlicht unter lesung live, showroom | Hinterlasse einen Kommentar