das selbe lied

wir singen, selbst wenn
wir einander nicht hören
das selbe lied,

lauschen der selben melodie,
schauen den selben mond
hinter wolken an,

sehen die selben sterne
mit nur geringer paralaxe
in der selben himmelsrichtung.

so ist’s bei denen, die
die selben lieben,
fern und daher nah.

zwei gleiche, die nicht
das selbe sind. denn
selbst müssen wir bleiben

als die, die sich gleichen.
so singen wir einander
das selbe lied.

(für юлия zum 39.)

Veröffentlicht unter glücksspiel, hannoveraner elegien | Hinterlasse einen Kommentar

der sommer geht

etwas wie herbst vor dem fenster,
am balkon das stete tropfen,
die nacht dunkler noch.

der sommer geht, herbstet sich ein,
fett die kürbisse, dürr
verbleibende blüten.

etwas wie tod am bette,
der schnitter legt sich schlafen,
träumt vom schnitt seiner sense.

der winter, nicht mehr weit,
atmet schon voraus.
und wir verschwinden.

etwas wie frühling,
sehr von fern. es sei denn,
man hört’ ihn schon flöten.

(170908)

Veröffentlicht unter 1 minute to the next whisky bar, en suite baroque | Hinterlasse einen Kommentar

fuga à due voces

oh ja, ich sang dir meinen kontrapu[ck/nk]t
in den schlitz, in das sehnen.
zweistimmig war ich, im kontradickt,
ich schrieb es in fut und fuga.

und sahest du mich so singen,
du hättest mich nicht ge- und erhört.
du bliebest im schweigen, das weib,
das mir die wäsche wäscht, gut’s mir zu tun.

das mir das mitternachtsmahl gekocht,
allein, du schwiegest weise all meinen
worten, denn die lassen sich nicht
braten im kreis einer pfanne,

wo jetzt das ei-gewusst des schweines
denaturiert oder der kühe,
die ihr haupt senken den schlächtern
wie ich dir hin.

oh ja, ich sang dir vom grabe,
vom balde das tröstende lied.
und wenn nicht, doch dann von den fenstern
den öffnenden klick.

(170907)

Veröffentlicht unter 1 minute to the next whisky bar, ByeByePass | Hinterlasse einen Kommentar

wohin ich ging

woher ich komm’, will ich nicht hin,
auch nicht, wohin ich geh’ und ging.
ich bleibe stehen und halt’ in’
am orte, wo ich nicht mehr bin.

wohin ich streb’, ist mir entgangen,
es war mal was wie utopie,
der’n dichterwortes schweres bangen
war leicht verheißen, doch mir nie.

woher kommt’s sehnen nach dem nicht,
wohin will dieses volle herz
euch ausergießen sein gedicht,
wo wiegt es lichtend schwer wie erz?

wohin will all das traute gehen,
wem ist sein ziel einst zu ersehen?
und wo wird dem erliegen stehen
ein grab, in das wir, ach, verwehen?

(170818)

Veröffentlicht unter 1 minute to the next whisky bar, anderland, ByeByePass | Hinterlasse einen Kommentar

der ausbruch des toba

dem ausbruch des toba folgten aschewolken,
die alles erstickten – in einer art beton –
ist im begriff auszusterben.

wie aber ausbruch, katastrophe
als anbeginn? wie also das
ewige verharren?

der toba explodierte,
wir aber nicht, blieben die zündschnur
am dynamit, den stangen aus …

… vielleicht nitro und glyzerin,
das sichere, wenn es auf explosion
zugeht, in sicherem abstand.

denn wir gehen so rasch,
wie wir gekommen,
nichts hält uns außer

im dazwischen, da wo
die detonation innehält,
etwas noch sagt vor dem inferno.

ihr aber, so ihr noch zündet,
gewähret unser die löschung
der zeit und uns’rer davor.

(170806)

Veröffentlicht unter anderland | 2 Kommentare

des sich erinnerns

die sprachgestalt des sich erinnerns
das wehen im gewehwehweh des sturms,
im fördewasserglas des wimmerns,
an mauern dieses turms.

die frauen, ja, die lieben,
der harem eines dichters sangs.
und wären wir, die das betrieben,
wir wären lobende des angefangs,

der vor dem ende, lange, sänge
noch von solchem angefüge,
das brächte aus der ferne in die enge
die wahrheit in die fuge jener lüge.

wie war erinnerung, ein bild von gestern,
dies wild aus leben,
dies sich verschwestern
mit gebrüdern und vergeben?

wir sangen,
wie wir das angefangen,
in diesem einen wort und vers,
auf dass gelangen wir ins rückgewärts.

(170721)

Veröffentlicht unter turm | Hinterlasse einen Kommentar

ich höre

„Es gibt ein Mädchen, dem möchte ich die Angst für alle Zeit wegstreicheln.“ (Klavki: „Der Wolkenhändler“)

ich höre mich greinen
an der seite der frauen,
die in meinem leben sind,
die mich verstehen,

wenn ich weine und klage.
denn ich habe nichts zu klagen,
alles ist gut.
ich bin gut.

ich höre mich greinen
über mein gutmenschentum,
das kein schimpfwort ist,
sag’s aber nicht, weil ich’s

nur höre im innern,
das greinen, das wehklagen,
wissend, ich werd’ all das
nicht tragen können.

ich höre mich greinen
in der nacht, die tränen der frauen
schmeck’ ich auf eigenen wangen
,
bin mir selbst nicht gewiss.

aber ich weiß, da sind die frauen,
die an meiner seite,
die wissend und tröstenden,
derweil ich zu trösten sie versuche.

ich höre das greinen
aus mir, es dauert mich
in den nächten, die
grundlose trauer.

aber ich weiß in dem greinen,
dass an meiner seite
und ganz nah hilfe ist
und zärtlichkeit.

und dennoch graue ich mir,
höre mich an beim weinen,
versinke so tief und bin den frauen
so nah wie mir fern.

(170709)

Veröffentlicht unter turm | Hinterlasse einen Kommentar

kein grab (nirgends)

da ist kein grab, so auch kein steh’n an seinem rand.
die stoll’n der läufer, gegraben in den roten sand
der aschenbahn: sie komm’n nicht aus den löchern, nur in brand,
weil kein grab ist ihrem lauf verloren, noch verwandt.

so tief wie dieses, das sie versinkend denken
auf das ende hin, seh’n ’s untergeh’n, bevor es aufgegangen.
am ziel die mädchen fahnen nie mehr schwenken,
weil alles endet, lang’ bevor es angefangen:

da ist mein grab, so tief, so dunkel in dem traum und nacht.
das bin ich, der solche särge selbst sich zimmert,
ich selbst mein kreuzgehölzter wächter, der mich bewacht,
der mit mir greint und weint und singt und wimmert.

kein wasser ist für die verdorr’nde pflanze in der wüste.
denn wie die lilien auf dem trock’nen felde
und das vögeln zwischen aufgehüpftem deiner brüste
ist das letzte, daher erste meiner welt die bälde.

da ist kein grab, nur meine triste, schaukelnd wiege,
mein immer wieder anfang vor vertrautem ende.
wie kreisverkehr, geblocktes ruder an der wende
und dass ich dir solch’ liebe doch verschwiege.

(Soundtrack: Johnny Cash: „Ain’t No Grave“)

Veröffentlicht unter ... und der titan nickte, 1 minute to the next whisky bar, anderland | Hinterlasse einen Kommentar

fünf faden tief | elegie

(„full fathom five“, shakespeare: „the tempest“)

in den untergrund des meeres,
untern grund schauen
wir wie hans im unglück ins blauen
vom himmelnaseweißen ins tief vergrab’ne blau,
getarnt wie die flunder im sand,
bis wir von planck.ton besiedelte sind.

anbetende der kunst des versteckens,
(selbst) vergessens, selbst versenkender metapher:
drei sind wir, schließen daraus die koffer:
ein fisch, ein boot, ein versandungsbewusstsein.
fünf sind wir, kiemenschleusen wir dagegen:
ein schiff, eine chiffre, und drei weit’re chimärchen

am senkblei uns’rer bemoosten leiber,
bis das seegras über uns wächst,
wir ein selbes von unten anschauen
und die taucherglocken letztmals blasen schlagen.
in trunk’ner versunkenheit
wir buckeln gebeugt und beten den sand an,

wie er durch uns‘re uhren fließt
gleich dem meer in gezeiten.
denn uns hebt keine tide mehr vom grund
des riffs, das wir sind, besiedelt zu werden
als schweigende von den versen.
von weit schweigt sich das dunkle blau aus

dem schmeichelnden treibsand, am übergang
wir, die zukünftigen amphoren
aus zerschellten galeeren,
wo wir einst sprachen, als wir ruderten
noch gegen den strom der gespräche / gezeiten.
jetzt aber wird aus den wellen

das wiegende der seegrasenden,
korrodiert uns das scharfe salz
und dringt in die koffer die see,
die ewige, aus der alles leben,
jetzt unsere leiber buckeln,
schiffgebrüchige am grund der see.

in ihn gesät, sind wir. nichts aber trugen wir
noch mit uns, denn was in den koffer passte.
wir sind flaschenpost, versunken,
meer.junk.fräulich, „manuscript found in a bottle“,
die tinte darauf sich lösend allmählich
ins weitere weite der see.

[Soundtrack: Charles Trenet: „La Mer“]

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Aulike / Schwarck / Meyer lesen „Vom Warten“

Mitschnitt der Lesung am 6.6.2017 im Café Godot, Kiel:

Teil 1:

Texte von ögyr:

Weiterer Link: Deutschlandfunk Kultur: Über das Warten als soziales Alltagsphänomen (ögyr zitiert daraus ab 4:30)

Teil 2:

Texte von ögyr:

Veröffentlicht unter lesung live, showroom | Hinterlasse einen Kommentar