vor den zeiten

was war, bevor die zeit im all begann,
bevor uns und danach die zeit selbst war?
was ist vor dem, als unser singen sang
und welchem waren all die jahre da?

sie waren bruchteil ihrer selbst wie wir,
war’n kaum die zeit, nur deren anbeginn.
die zeit war damals unbefangen schier,
sie tickt’ seither wie uhren ihr’n gewinn.

und doch gibt zeit uns ihre drängend kraft.
wir sind noch jung, schon sind wir von ihr alt
und staunen, wie sie uns sich hingebracht,

wie sie verrinnt und formt uns die gestalt.
sie sagt, dass wir wie sie vergehen müssen,
und doch umarmt sie mit sekundenküssen.

Veröffentlicht unter anderland, flüchten oder standhalten | Hinterlasse einen Kommentar

meere | maria

„La mer / les a bercés / le long des golfes clairs / et d’une chanson d’amour, / la mer / a bercé mon cœur pour la vie.“

„Das Meer / hat sie umschmeichelt / entlang der klaren Meeresbuchten / und mit einem Liebeslied / hat das Meer / mein Herz beruhigt für mein ganzes Leben.“

(Charles Trenet)

DU bist das meer, und ich bin deine küste.
ich brand’ dir zu, wir geh’n an unser land.
DU bist das schiff und ich dein sich’rer hafen.
ich halte deinen ausgeworf’nen anker.

wir sind die mária in mondes wüste,
das feuchtgebiet, amphibien so verwandt.
wir sind die segel, die im winde schlafen,
sind seelenfrachter und der liebe tanker.

DU bist das meer, das dringt in meine buchten,
mit den’n ich deiner stürme well’n umfasse,
denn wir schau’n tief in uns’rer meere schluchten.

dein haar, noch nass, maría! duft nach bad –
auf dass ich’s meer nie mehr dem lied entlasse,
das mit dir singt und sinkt auf uns’rem pfad.

(180315 | pour maria)

Veröffentlicht unter lyrik, pour maria | Hinterlasse einen Kommentar

ode an die liebe

liebe ist ein unbedingtes,
daher göttlich ding, vom himmel
uns auf trübe erd’ gewinktes
mitten in all das gewimmel,
das uns fernt von uns’rer mitte.
liebe bringt uns jene wieder,
die verloren schien auf wippe,
wo wir schwankten schwer und bieder.

liebe sagt nichts, will nur fühlen,
worte sind nicht ihr im sinn.
ihre lippen sind zum wühlen
in dem, was du bist, ich bin.
aber liebe weiß von schwüren,
lispelt sie so sanft ins ohr,
wieder schlägt sie saiten lyren,
weiß die melodie zuvor.

liebe singt von hoffnung, glauben,
balanciert die heimat, trebe.
beide birgt sie in den lauben,
rankend zwischen blüt’ und rebe.
liebe geht, wenn sie gekommen,
weht, wohin sie uns geführt,
heimlich wächst, wo sie geronnen,
offenbar und jetzt durchfühlt.

liebe ist moment, nicht ewig,
ewig wird sie im moment.
liebe ist beginn, beschädigt,
anfang ist ihr fehlend’ end’.
hoffnung also und versuch,
immer wieder sie zu wagen.
liebe ist ein zärtlich fluch,
folgend ihm sind wir ihr fragen.

Veröffentlicht unter lyra larynga, lyrik | Hinterlasse einen Kommentar

in nacht und tag

die nacht nun wieder: jäh ein immer ja!
am tage dann das kleine leid, weil tag
und nicht die nacht, wo ehrlicher ist’s da.
als wär’ es so, dass nur in nacht ich wag’

das wilde, wirre: auf- und untergang.
die nacht, so sag’ ich aber, ist das wahre,
sie weiß vom ende als dem angefang,
von nachgeburt auf tages morgenbahre.

ich sang von jeher nacht-, statt tageslieder,
war mondes bleicher statt der sonnen schein,
doch bleib’ ihn’n treu, den nächten immer wieder.

denn was wir sind, am tage möchten sein,
ist in der nacht hernach so ganz verweht,
auch wenn’s am tag, der folgt, nur schüchtern steht.

Veröffentlicht unter 1 minute to the next whisky bar, d.day - keine nacht für niemand | Hinterlasse einen Kommentar

fünf vier

(„new no new age advanced ambient motor music machine“, „das lied schläft in der maschine“ – einstürzende neubauten)

drei, zwei und eins auf null: countdown! und wen’ger
als nach unendlich ist es nicht, das lied,
die fünf gefüßten verse: vier es biet’,
quartett den jahreszehenzeiten später.

und davon zwei, für kindheit, wachsen dann …,
der kleine tod am wendepunkt, ersehnt
in gegenwart und gegen jedes „wann?“
ins „jetzt!“ vielmehr, in diesen vers! – verschämt …

darauf verschwinden hinter text wie einst.
die verse jetzt ein flotter dreier eint,
der weiß, ach, um das leben, so beredt.

mit einem kuss nur möcht’ ich bei dir landen
die lippen stumm, weil scheu verliebt, erwählt,
auf fünf, vier, drei vereint mit dir zu tanzen.

… und die einstürzenden links aus jener nacht …:

Veröffentlicht unter ... und der titan nickte, 1 minute to the next whisky bar, kieler elegien, meisterjahre, wicked diary | Hinterlasse einen Kommentar

turm #3

mein turm, durch jahreszeiten angeschau,
ein hämmern an gerüsten und dort wehen:
wenn tage gehen, und die nacht ins grau,
werd’ ich dir an der seit’ und mauern stehen.

er läutet mir tagnächtlich jede stunde,
mein turm auf seiner sandversteinten wacht.
er geht in seinem schacht die neue runde
durch all’ die tage in die nächste nacht.

mein turm in nach(t)barschaft so sehr vertraut,
du wankst in bildern meiner kamera.
denn wo der himmel nachts und tages blaut,

steh’n du und dein geripp’, selbst wenn es graut.
so geh’n die steine hin ad aspera
wie ich, der dich in düst’ren wolken schaut.

(180107)

Veröffentlicht unter turm, video.poems | 1 Kommentar

meine lieder

meine lieder sind der lieb’ synkopen,
ein stottern immer in den schrägen vers.
mein gedicht ist wie das der utopen,
ein schweigen und so singen winterwärts.

ich hatte sommer, ja, und war in herbsten
gold’nes laub, im frühling war ich blüte
und blutete aus stets dem vollen herzen,
verzichteter und dir zu gut und güte.

ich war auf angefang an jedem ende,
ich sang in meine stille jedes lied
und hob dir, liebe, meine beiden hände,

als ob ich sie in meine verse hieb.
als ob zumal das immer wieder zaudern,
dass dies gedicht doch wird mich überdauern.

(171219)

Veröffentlicht unter ... und der titan nickte, glücksspiel, herbstlich willkommen | Hinterlasse einen Kommentar

buch[t]fluch[t]

neuestes video.poem, courtesy c|k|m:

Veröffentlicht unter video.poems | 1 Kommentar

erotix with audrey

these are my ticks, mein ewig sehnend witz,
den ich nur dir als rote kapp’ erzähle.
ich senke mich des nachts in meinen sitz,
auf dass ich deinen süßen schlaf verfehle.

denn da bin ich, wenn du erwachst aus träumen,
doch nicht an mich, nicht meiner teiche schäume,
wenn das geheimnis schwitzt, das uns verbindet
und uns dasselbe in die nacht noch schindet.

kein paar wär’n wir, die beiderseit’gen künstler,
doch uns’res „erotix“ – gemeinsam dichten
wird lichter, wo die and’ren wixen finster.

wir sprechen auf und treten an, belichten
inmitten feuchten labien und füßen,
was die nicht wagen: gehen, sich zu grüßen.

Veröffentlicht unter erotix, lyra larynga | Hinterlasse einen Kommentar

Der Rote Charon

Frühwerk, oktjABER, 1987, vor 30 / 40 (RAF) / hundert (LENIN) Jahren … „Worte sind auch nichts als geordnete Geräusche …“

Der Rote Charon (Typoskript 1987, PDF)

Der Rote Charon (Typoskript 1987, S. 1, gelesen von ögyr):

Der Rote Charon (Fuga à 3 voci, Typoskript 1987, S. 18-23, gelesen live bei der Lesung im Café Godot am 7.11.2017, simultan von ögyr (1. Stimme), Henning Schöttke (3. Stimme) und Stefan Schwarck (2. Stimme)):

((Durchaus in der Tradition von Brechts „Lehrstück“ „Der Ozeanflug“, Radio-Experiment (siehe dazu auch Brechts Radio-Theorie, eine frühe Medientheorie) von 1929)):

Veröffentlicht unter Der Rote Charon | Hinterlasse einen Kommentar