warten

worauf ich warte, sendet arte
natürlich nicht, doch find’t
sich manches in der mediathek.

bewegungslos ist nicht dein schoß,
du schön’, auf die errötend
ich zwischen da- und dermals warte.

und zuckt auch noch mein steifer stift
mit ord’ntlich tinte auf dem füller,
als wär’ in deinem schritt

das anverwandte, das ihn hüller
ins innere verkehrt,
nach außen schauend dich doch ehrt.

wir beide warten, bis der pfeffer weht
an uns’ren näheren gestaden,
in uns’rer beider schlaf und hafen.

(170516 | für j)

Veröffentlicht unter 1 minute to the next whisky bar, anderland, ByeByePass | Hinterlasse einen Kommentar

keine(r) da

keine da, keiner war,
nur ich, der mir glich.
jede liebt, jeder lebt,
doch ich nicht

„not for me“

nur noch ich, der liebte,
blieb allein und schrieb,
was ich sagte wie beklagte,
was mir schien, wie einst in wien

„not for me“

freud’ auf deiner couch,
statt dass mich knautscht
und darauf knutschte,
wo ich verpfuschte

„not for me“

liebe lang und unverwandt,
im traum und raum verlangt,
fällt mir leicht und nicht mehr schwer,
denn ich komm’ vom leiden her

„not for me“

wie wird das enden, aus den händen?
sand aus der zerbroch’nen uhr,
im glas noch allererster schwur,
dass ich werd’s anders wenden

„not for me“

keine(r) da, die mitempfände,
was mir fehlt und meinem mangel,
was ich schrieb an alle wände
meiner zelle und im wandel

„not for me“

(hannover: 170430, kiel: 170512)

Veröffentlicht unter ByeByePass | Hinterlasse einen Kommentar

die vögel 1

16.4., 19:31: von der Pohnsdorfer Stauung:
Trockenes Wetter, nette Leute.
Viele gut zu sehende Krick- und Schnatterenten, natürlich Stock- u. Reiherenten, Grau- und Kanadagänse, paar Graureiher, etliche Silberreiher (die immer weniger scheu sind anscheinend).
Ein Schwarm Bekassinen, Kiebitze und die ersten Rauchschwalben.
Ein Paar Rohrweihen. Kurz mal Seeadler.
Toll: ein Fischadler, sehr selten zu sehen, vermutlich auf dem Durchzug aus dem Winterquartier.
Singende Mönchsgrasmücken.

17.4., 12:37: aus der Schilkseer Au:
Kalt, aber gute Sicht.
Wunderbar viele Löffelenten, natürlich Stock-, Schnatter-, Reiher-, Schell- und Tafelenten. Grau-, Kanada- und diesmal auch Brandgänse. Keine Krickenten zu sehen.
Etliche Zwergtaucher, zweimal Rothalstaucher!
Herrliche Gesangsduelle der Mönchsgrasmücken.
Schwanzmeise.

2.5., 15:44: vom Friedhof Eichhof:
Morgens nur auf dem Urnenfriedhof, sonnig, windig, kalt.
19 Arten insgesamt, die üblichen. Gartengrasmücke beim Mühlenweg?
Abends Rundgang in der südlichen Parkhälfte, noch windiger, vermutlich deswegen wenig Gesang. Schön: Kleiber am und im Nistkasten. Schwanzmeisen.

10.5., 10:41: auf Rügen:
5. bis 7. Mai auf Rügen: Um nach 55 Jahren endlich eine Bartmeise zu sehen.
Tag 1: nix Dolles, Milane, Rohrammern.
Tag 2: Bartmeisen aus kurzer Distanz, dank Susannes Geduld.
Braunkehlchen, Schilfrohrsänger, Steinschmätzer, schließlich Schwarzkehlchen. Uferschwalben.
Ausdauernd singender Bluthänfling, zauberhafter Anblick, überall Fitisse.
Haus- und Gartenrotschwanz auf demselben Zaun, noch nie so gesehen.
Tag 3 – der Hammer: Grauammer, singt in Dünen auf Weißdorn und Rosen.

(nach mails von kollege und genosse dr. jörg feldner)

links:

Veröffentlicht unter listengedichte | Hinterlasse einen Kommentar

astronomisches ereignis

„es ist davon auszugehen, dass der stein denkt“ (rainald goetz)

es ist davon auszugehen,
dass dies ein einmaliges
astronomisches ereignis ist:

sonnenstand so nur am 16. april
und – in sonnenlaufes wiederkehr –
im frühherbst, 26. august.

unwahrscheinlich – auch in den nächsten
jahren –, dass an beiden tagen
selben sonnenstands

dasselbe wetter ist, gewittrig,
schwarze wolken im hintergrund,
regen und daher bogen.

also vermutlich einmalig
in diesem leben. die kamera,
das einzige bild, einmalig.

ein astronomisches ereignis:
ich dabei einzig beobachtend,
bei mir die einzig zusehenden.

((vermerkt im datumsblatt:
wir aßen spargel, gekocht und gebraten,
roastbeef, dörrwürste vom rind.
))

(170417)

Veröffentlicht unter #kielgedicht, ByeByePass, video.poems | Hinterlasse einen Kommentar

TITANIC 105

Vor 105 Jahren, in der Nacht vom 14. auf den 15. April 1912, sank die Titanic nach einer Kollision mit einem Eisberg im Nord-Atlantik. Sie galt als unsinkbar, aber schon das beginnende 20. Jahrhundert – wie wiederum das 21., weil ein Untergang dem nächsten rät – setzte zum Untergang an … Das Lese-Trio Nils Aulike, Matthias Wilms und ögyr hat diesem menetekelnden Jahrhundertereignis vor genau fünf Jahren in der hansa48 (Kiel) ein „Denkmal“ gesetzt, das aus aktuellem Anlass hier nocheinmal zugänglich gemacht wird.

Frank Peter porträtierte uns damals bei der Lesung …

Nils Aulike:

Matthias Wilms:

ögyr (Jörg Meyer):


TITANIC 100

oder: „Wie rät ein Untergang dem nächsten?“

Lesung am 14. April 2012 in der hansa48 (Kiel) mit Nils Aulike, Matthias Wilms und ögyr (Jörg Meyer)

Live-Aufzeichnung des Programms

1. Matthias Wilms (Lesung Off):
H. M. Enzensberger: „Der Untergang der Titanic, 1. Gesang“

2. Projektion:
ögyr: „blaue stunde / 14. april“ (prelude) (Text)

3. ögyr (Lesung):
ögyr: „zwischendeck“ (Text)

4. ögyr (Lesung):
ögyr: „wohl temperiert, atlantisches hoch“ (Text)

5. ögyr (Lesung):
ögyr: „… fabelhafter marconi“ (Text)

6. Matthias Wilms (Lesung):
E. F. Hansen: aus „Choral am Ende der Reise“ (S. 483)

7. Projektion:
ögyr: „löse meines schiffleins ruder“ (Text)

8. Nils Aulike (Lesung):
H. Melville: aus „Moby Dick“

9. Matthias Wilms (Lesung):
H. M. Enzensberger: „Der Untergang der Titanic, 8. Gesang“

+++ PAUSE (last song „songe d’automne“) +++

10. Projektion (Diashow / Lesung):
ögyr: „maßstabsgetreu“ (Text/Bilder)

11. Matthias Wilms (Lesung):
E. F. Hansen: aus „Choral am Ende der Reise“ (S. 218)

12. Nils Aulike (Lesung):
ögyr: „leckend“ (Text)

13. Matthias Wilms (Lesung):
ögyr: „eis am sonntagabend“ (Text)

14. Projektion:
ögyr: „meines schiffleins ruder“ (Text)

15. Nils Aulike (Lesung):
H. M. Enzensberger: „Der Untergang der Titanic, 14. Gesang“

16. Matthias Wilms (Lesung):
H. M. Enzensberger: „Der Untergang der Titanic, Apokalypse. Umbrisch, etwa 1490“

17. Nils Aulike (Lesung):
Weltkriegsgedichte

  • A. Lichtenstein: „Prophezeiung“ (1912)
  • A. Lichtenstein: „Die Fahrt nach der Irrenanstalt II“ (1912)
  • W. Owen: „Gleichnis von dem alten Mann und dem Jungen“ (Juli 1918)
  • W. Owen: „Dulce et decorum est“ (März 1918)
  • A. Stramm: „Sturmangriff“ (1915)
  • Philip Johnstone: „High Wood“ (1918)

18. Matthias Wilms (Lesung):
T. Mann: aus „Der Zauberberg“

19. Projektion:
ögyr: „singend gesunken“ (Text)

Links:

Veröffentlicht unter ... und der titan nickte, lesung live, showroom | Hinterlasse einen Kommentar

im vorfeld

„er melkt die welt fürs brotverdienen“ (klavki)

im vorfeld der kommenden arbeit
bleibt noch die vornacht fürs dichten,
allein: mir fehlen zeit wie worte,
richte mich ein auf die fron.

auch im nachgang muss ich
die strömenden verse dämmen,
fragend, was ich nun sei:
dichter oder dienstleister?

beides kann ich gut,
letzteres geldwert. aber die zeit,
die kurz wird, fordert mich
als dichter, das gedicht

wie hier noch eines, zwischendrin;
nicht schön, doch pflichtbewusst.
das vorfeld vertröstet auf den nachgang,
da, wo ich war, ich bin und werde sein.

(170407)

Veröffentlicht unter meisterjahre, workflow | Hinterlasse einen Kommentar

Aulike / Schwarck / Meyer lesen „Von Klavki“

Mitschnitt der Lesung am 4.4.2017 im Café Godot, Kiel:

Teil 1:

Teil 2 (am Ende versagte leider die Batterie des Aufnahmegeräts, daher unvollständig …):

Auf vielfachen Wunsch, weil erzählt: Klavki & Friends @ Künstlergrillen, 20.5.2007, Rathausplatz Kiel: www.youtube.com/watch?v=Qwpl41Q0ST8

Veröffentlicht unter Klavki, lesung live, showroom | Hinterlasse einen Kommentar

ha(l)b acht

halb acht, mein freund, wenn du noch bei mir sitzt,
aus deiner feder mit mir weiterschreibend,
wenn du in uns’ren versen mit mir schwitzt
in dem gedicht, das ist hier jüngst ein leidend,

ein nachruf auf, was du uns vorgeschrieben.
jetzt hab’ die acht an solchem frühlingsmorgen,
wo du gegangen bist und warst verschieden,
verließest uns in manchen gleichen sorgen.

du gingst und wiesest doch die brüch’gen pfade:
auf jenen schreiben, dichten wir verloren.
wir sind dir weiter mein sonettenspeicher

und reimen singend durch die nacht und jahre,
sind dir im grab und tode nachgeboren,
dein’m erb’ und deiner worte traut’ erbleicher.

(@ klavki)

Veröffentlicht unter Erinnerung, Klavki | Hinterlasse einen Kommentar

nachts dank

nachts dann wieder
wie verloren
im refrain der alten lieder
und dahin wie doch neu geboren.

tags dann nachher
aufgewacht, verschlafen,
alles wagen: war schwer
gepackt in tränend laachen.

abends fragen, die schon rum,
weil antwort ist bereit.
so bleib’ ich stumm,
wenn hab’ ich den bescheid,

der sagt mich ab und halftert
nicht vorhand’nen pferden
die nüstern blähend unverwaltet
himmel auf die erden.

(170331)

Veröffentlicht unter kieler elegien | Hinterlasse einen Kommentar

lebenszeichen

ein zeichen, dass du noch lebst,
wenn es noch schmerzt, das ganze
leben – und überhaupt … wenn du
da irgendwo im innen, obwohl
es der kopf und jede grammatik
verbietet, herz wieder
auf schmerz reimst.

ein zeichen ist’s, dass kein tod
dich vom wort trennen
kann, seinen träumen, vom futur
zwei, brichst du’s auch
quer durch die zeilen und
gibst ihm, den versen, die
sporen. denn jedes wort ist

myzel, die gesamtheit seiner
hymnischen hyphen, wuchernd hinein
in das gesprochene vom leben –
und gleichfalls requiem auf
seine unverstandenheit.
aber du sagest’s und sprachst
von den zeichen, sie lesend.

(170325)

Veröffentlicht unter kieler elegien | Hinterlasse einen Kommentar