Mo, 14.09.2020

Hast du Worte? Dafür, dass dieses wie jenes so fern wirkt, die Sehnsucht, SIE, die Menschen überhaupt, einschließlich des ICHs, und ja, die Worte, die Bilder, das Tun, die Antastbarkeit. Dass im Neuanfang schon wieder so viele Aussetzer sind, dass neu angesetzt werden muss. Hast du Worte für die Verhinderung, das andauernd prokrastinierende „vor Diktat verreist“ und doch da geblieben? Ja, du hast Worthülsen, weise wie „Es ist nicht, wie es bleibt“ (Heiner Müller), beraubt dennoch ihrer ursprünglich utopischen Protestation, denn es es wird auch nicht (mehr), wie es bleibt.

Gestern spät abends, schon nachts, war es auf dem Balkon mitten in der Stadt ländlich still und lichtlos (was ein Unterschied zu dunkel ist). Da konnte ich den nichts sagenden (keinesfalls nichtssagenden) Stillstand synästhetisch schnuppern.

>> 14.09.2010
>> 14.09.2000
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Do, 27.08.2020

SIE hat offenbar eine besondere Antenne, denn zum wiederholten Mal stellt sie zur richtigen Zeit (genau dann, wenn mich diese Frage auch umtreibt) die richtige Frage: „Warum schreibst du Tagebuch?“ (Umso virulentere Frage, als mir das tägliche Aufschreiben so schwer fällt. Warum setze ich mich damit unter den Druck des Unwillens?)

Antworten:

  1. Das d.day-Projekt ist eine Art Langzeitbeobachtung mit auto-dokumentarischem Wert. In Fortsetzung der di.gi.arien von 2000 und 2010 wollte ich 2020 nicht aussetzen.
  2. Das d.day-Projekt ist mir vertraut in seinem abschätzbaren (Schreib-) Aufwand. Da ich seit der Abstinenz unter Schreib- und überhaupt Kreativitätshemmung leide, schien es mir wegen dieser Vertrautheit des Modus und der Form das geeignete Feld, um überhaupt wieder ins Schreiben zu kommen. Ich habe nichts zu erzählen, allenfalls noch von mir selbst in der besonderen Situation der fortgesetzten Abstinenz. Und das lässt sich allenfalls in einem Tagebuch erzählen.
  3. Eng verbunden mit dem d.day-Projekt ist das Konzept „pretty public privacy“ (ppp). Es war 2000, als es noch keine Social Media gab, ungemein innovativ, ja sogar revolutionär, was Selbstinszenierung und Medialisierung der Person und die damit verbundenen individuellen und gesellschaftlichen Fragen betrifft. Inzwischen ist ppp von den Social Media längst eingeholt, sogar überholt. Dennoch ist interessant, wie sich ppp in Parallelität und Konkurrenz zu den Social Media entwickelt, durchaus auch in einer Bewegung zurück in die Privatheit (hier, indem das di.gi.arium bestimmte Themen ausspart, „für sich behält“). Insofern ist das d.day-Projekt ein Soziales Experiment (in Tradition Brechts), das noch nicht beendet ist, ein unvollendetes Projekt (wie die Moderne). Ich sah daher eine gewisse Verpflichtung mir und meinem Werk gegenüber, das d.day-Projekt fortzusetzen.
  4. Tagebuch schreiben (wobei ich im diesem Zusammenhang lieber von aufschreiben spreche, also nicht im Sinne der Schöpfung eines Textgebildes, sondern eher des schriftlichen Protokolls) schafft eine gewisse äußere Struktur des Seins und Erlebens. Im Zusammenhang der Therapie war es stets wichtig, Strukturen jenseits der Struktur Sucht zu etablieren. Das d.day-Projekt erzeugt zumindest äußerlich so eine Struktur, auch wenn die sehr wahrscheinlich (wie sich mehr und mehr zeigt) von den alten Strukturen vergiftet ist.
>> 27.08.2010
>> 27.08.2000
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Mi, 26.08.2020

Weiter Prokrastination – in Wikipedia. Ich lese die Einträge zu gerade auf dem TV-Schirm befindlichen Schauspieler*innen und Moderator*innen.

Später Nachdenken über Mangel vs. Maßlosigkeit als Zentrum der Sucht, wie eines das andere bedingt und sich aneinander steigert.

>> 26.08.2010
>> 26.08.2000
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Di, 25.08.2020

Das Wissen am Morgen, den d.day-Eintrag von gestern noch aufschreiben zu müssen, oder heute Abend den von heute, ist wie ein Memotekel (wortspiele ich immerhin noch), ein Damoklesschwert. Denn zur Zeit ist nicht nur meine Kreativität, sondern auch meine Wahrnehmungsfähigkeit ermüdet. Am Tag Prokrastination selbst der Prokrastination. Denn sogar Aufschieben ist mir zu mühsam. Wenn Arbeitsminuten, dann solche, die mit eigener Kreativität wenig zu tun haben, allenfalls Kreativität anderer: Ich stelle einen Literaterturtelefonbeitrag fertig.

KRISE, an der kritisch ist, dass ich sie nicht als kritisch empfinde. Flüssiges Verdrängen. Ich scheue nachzuforschen, woran es liegt, dass Schreiben nicht mehr geht – und nun nicht mal mehr Aufschreiben. Es kann nämlich kein allzu dicker Knoten sein, der da zu durchschlagen ist, er ist analytisch und therapeutisch bereits aufgedröselt. Ich wünschte, letzteres wäre nicht der Fall, dann hätte ich wenigstens etwas, das ich aufschreiben oder worüber ich sogar schreiben könnte.

>> 25.08.2010
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Mo, 24.08.2020

Gruppentherapie. Ohne dass ich mich vorgedrängelt hätte, wird heute mein Kreativitätsproblem besprochen. Ich hätte Probleme mit dem Schreiben an sich und vor allem mit dem Schreiben „wie früher“, berichte ich. Dass die Motivation ebenso fehle wie die Inspiration. Dass ich bei „alternativen“ (also eher nicht nacht-verhafteten) kreativen Tätigkeiten wie Plastizieren oder Malen auch „auf der Stelle träte“, kurzum es gehe seit der (heute auf den Tag genau 14-monatigen) Abstinenz auf dem Kunstfeld nicht voran, der Acker bleibe unbestellt, liege brach. Wir stellen fest, dass hier ein Abschied stattfinde und Abschiede seien schwer und schmerzlich. So weit, so verständnisvoll. Ich befürchte jedoch, nun komme der übliche Sermon, eins möge auch „das Neue“, das eins „durch die Abstinenz gewonnen“ habe, in den Blick nehmen. Aber – glücklicherweise – nein: Therapeut und Mitpatienten schließen sich meiner Trauer an, kennen die Wehmut an die Hochgefühle des Rausches, und auch „Bewusstseinserweiterung“ sagt einigen von ihnen etwas.

Solchermaßen innerlich gestärkt, versäume ich dennoch, mich gleich ans AUFschreiben des heutigen d.day zu machen. Verschiebe es weiter in den Abend. Ich prokrastiniere, indem ich Spielfilme unter dem Stichwort „Tornado“ herunterlade und an-, zumindest hineinschaue. Sie sind alle gleich gestrickt. Das menschliche oder Familiendrama um eine(n) Wissenschaftler*in, die/der kassandrisch warnt, interessiert mich dabei wenig. Ich spule nach den Szenen der Verheerung, nach dem Chaos, nach dem Hades, nach dem Untergang.

>> 24.08.2010
>> 24.08.2000
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So, 23.08.2020

Eine unerwünschte d.day-Abstinenz war eingetreten. Gründe unklar. Es hatte nämlich viel AUFzuschreiben gegeben. Stets verschoben, dann die Regelmäßigkeit verloren und mit dem Besonderen, das das d.day-Schreiben dann wird, nicht klar gekommen. Großer Berg. Bleibt nun unbestiegen stehen, umgangen. Heute Entschluss, statt nachzuarbeiten neu anzusetzen. Mitten hinein ins Jetzt anstelle des vor einer Woche.

Weit nach Sonnenuntergang, in die Nacht.

Also kein Jetzt, sondern Erinnerung. Z.B. daran, dass ich in den letzten 11 Tagen oft auf dem Balkon gesessen hatte. Arbeitspause. Mehr Pause als Arbeit, geradezu ein stoisch gleichmütiger Pausen-Beat. Ich hatte den Tauben zugesehen. Vorgestern waren sie „vergrämt“ worden. Das Vordach, unter dem sie Schatten gesucht hatten, wurde von einer Wohnung im hiesigen Haus gegenüber „abgespritzt“, mit einem Wasserschlauch vom höher gelegenen Balkon aus. Wo die Dachrinne des Vordachs ans Gemäuer stößt, hatten sie ein Nest gebaut. Der Wasserstrahl schwemmte zwei Eier fort. Sie brüteten noch einen Tag weiter, bis sie merkten, dass die Eier weg waren. Sie waren sozusagen treu, verrichteten „die Trauer der Arbeit, noch zu verrichten“. Ich fühlte mich solidarisch. Ich trauerte mit – ein bisschen. Dann hatte auch ich es vergessen.

Ich buk Knäckebrot heute, um wieder ins Regelgerechte der Verrichtung zu kommen. Nach dem Zwieback sah es aus wie karstige Küste. Mauervorsprünge zu eng zum Brüten.

Und der Sommer macht sich auf zum Zug ins südliche Winterquartier. Abends waren Krähen im lauten Chor übers Haus zu den Schlafplätzen geschwärmt.

>> 23.08.2010
>> 23.08.2000
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So, 16.08.2020

Sunrise.

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Mi, 12.08.2020

Da oben wäre jetzt das Fenster, wohinein der Abend sich verkriecht (oder: wohinein der Abend schlüpft). Auch so eine meiner Fantasien: Dachkammern. Dachkammern, in denen Frauen wohnen, in die ich verliebt bin. Wohin ich nicht die Treppe, sondern die steile „Stiege“ emporsteige. Und es ist Sommer, und es ist Abend, und ich komme aus der „wilden Welt“ (draußen brüllt der Sommer), und SIE hat ein leicht fallendes Kleid an, Hängerchen, und sie begrüßt mich barfuß, und sie hat mich erwartet, aber auch ein wenig nicht, denn sie mag es, wenn ich ungelegen komme, weil sie sich gerne ziert. Und es ist so warm unter dem Dach, und sie öffnet das Fenster oben unterm Dach, wohin ich von unten hinaufgeschaut hatte, sehnend schon, bevor ich sie kennenlernte, als sie aus dem Haus trat und fast über mich stolperte, der ich gerade vorbei ging, flanierte, zu Fenstern hochschauend, guck in die Luft, und es war in einem Sommer wie diesem gewesen. Und die Gardinen, Hängerchen, gehen im lauen Abendwind wie ihr Kleid, als ich und mein Atem darunter schlüpfen und sie fächeln. Und dann stehe ich am Fenster hoch über der stillen Seitenstraße, und unten ist das Grün so satt, so voller Fülle und wogend wie ein Meer, wir sind ein Meer. Und ich lese ihr das Gedicht, dessen einen Vers, den mit den drei Worten, den berühmten, die so anders klingen, meine Stimme sanfter, wenn ich sie IHR sage, ich unten vor dem Fenster in mein Notizbüchlein, das so zerfleddert ist, ein bisschen wie ich, das mit den getrockneten Wasserflecken, die es leicht wellen, gescribbelt hatte, für SIE, oder auch gleich mit weißem Strahl an die Hauswand, falls sie es so revoluzzerhaft mag, so auf- und hinbegehrend.

Und ich schaue auf.

>> 12.08.2010
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Di, 11.08.2020

In meiner fortgesetzten Nachspürsuche nach fotografisch oder filmisch abbildbarem Gefühl (oder als Trigger für die Erinnerung daran) tauchen bestimmte Motive emblematisch immer wieder auf, loopen sozusagen. Heute das Bild von Hohlweg und Bank – an der Kirche auf dem Weg zum REWE.

>> 11.08.2010
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Mo, 10.08.2020

In der Gruppentherapie wird wieder das Hohelied auf die Abstinenz gesungen, auf die neue „lebendige Fülle“, die es nach der „betäubenden“ Überfülle des Saufens gibt. Warun regt sich dagegen in mir so ein Widerstand, eine Aufmüpfigkeit, was Revoluzzerhaftes? Es ist etwas von früher, von dem Wunsch anders zu sein, indem ich es (revolutionär) anders sehe, indem ich eine neue Perspektive, Blickrichtung entwickele. Diese Mutwilligkeit darin, dies Fühlen gegen eigentlich besseres Wissen. Es ist ein „not for me“, das nicht den trauernden Gestus der letzten Zeit, sondern den des eigensinnigen Aufbegehrens, des dezidiert Gegenentwürflichen (auch im politischen Sinne – anti-kleinbürgerlich) des vierten und fünften Lebensjahrzehnts (schon damals verspätet pubertär) hat. Glücklicherweise halte ich mich in der Diskussion weitgehend zurück. Der Therapeut merkt das und zwinkert mir zu. Er hat Antennen für mein Glühen dann, für das Alte darin. Wogegen ich mich auch innerlich heftig wehre: als ein Mitpatient seine Frühzeit, zehn Jahre Philosophistudium, immer nur Denken statt Handeln, gleichzeitig aber überbordend dionysisch, im nachhinein und aus der Perspektive von heute – nunja, sowas wie – verdammt. Mir fällt ein: „Geschichtsrevisionismus an der eigenen Lebensgeschichte“.

Auf dem kurzen Weg nachhause skizziere ich das widerständige Gefühl (genauer und eigentlicher: den möglichen theoretischen Überbau dazu) mit philosophischem Vokabular in die Sprach-Memo-App: „Ich verzichte, also bin ich.“ (Maßlosigkeit und Verzicht.) Das ist gar nicht mal asketisch oder mönchisch gedacht. Eher erinnere ich mich an die Hesse-Lektüre mit 19, wahrscheinlich „Das Glasperlenspiel“, wo ich den Gegenentwurf fand, die Entsagung aufgrund der Unerfüllbarkeit der (Liebes-) Sehnsüchte. Also Verzicht aus einer Fülle heraus, weil das Füllhorn leckgeschlagen ist.

(Heute wäre die Mutter 85 geworden. In meinem (Ge-) Denken finde ich gerade keinen Platz für sie.)

>> 10.08.2010
>> 10.08.2000
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