Sa, 11.07.2020

Nochmals Besuch bei IHR auf dem Campingplatz. Wir sitzen an der Förde, und ich freue mich (genauso später bei der Heimfahrt mit dem Dampfer) am interesselosen Schauen. Den Blick auf unendlich gestellt, zwischendurch auf SIE. Sie hat braunes Haar, das zwischen den Regenschauern unterm grünen Schirm im Sonnenlicht kupfer-seidig glänzt. Stelle fest, wie schön beides ist, SIE und das Meer. Beim Abschied stellt sie fest, ich hätte ja heute gar kein Foto von ihr gemacht. Stimmt. Es geschieht und muss nicht dokumentiert werden. Projekt Gegenwart.

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Fr, 10.07.2020

Der freitägliche Besuch beim verwitweten Vater. Im alten Jugendzimmer suche ich nach Dia-Kartons. Unauffindbar. Aber ein selbstgebautes Teleskop liegt noch in der Abseite. Mit dem Vater daraufhin Gespräch über Astronomie und im engeren Sinne über Planetenforschung. Was beim Wiedereintritt einer Raumkapsel in die Atmosphäre zu beachten ist sowie himmelsmechanische Grundlagen des Raumfluges. Der Vater erzählt, wie ich als 5-Jähriger fasziniert der ersten Mondlandung beiwohnte. Ich wurde nachts geweckt, als sie im TV übertragen wurde. Während er das berichtet, und auch schon beim Teleskop-Fund, spüre ich jeweils ganz kurz das „Wissenschaftsgefühl“ von damals. Projekt Erinnerung.

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Do, 09.07.2020

Die Kontakte zerren an mir, wollen mich im Leben halten oder dahin zurückholen. Ich weiche aus, mag das Alleinsein, mag in Ruhe gelassen werden. So zerrt die Nacht am Täglichen. Und das Rad mühlt im Wind wie am Dienstag „unter IHREN Schirmen“.

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Mi, 08.07.2020

Ich kaufte neuen Ton, um den vertrockneten zu ersetzen. Dann machte ich die Arbeit von heute (Vorsteuererklärung) fertig und schickte sie ab. Dann ging ich in den Fotoladen und ließ die Fotos für den Vater ausbelichten. Dann mixte ich den Green Smoothie von heute mit den Kräutern von heute, die wohlklingende Namen haben (Basilikum, Thymian, Koriander, Rosmarin). Dann schickte ich IHR Filme zum Campingplatz, der gutes WLAN hat. Dann trank ich den Green Smoothie. Dann telefonierte ich mit hah über das Dekameron-Projekt. Dann schrieb ich noch unwillig, was ich heute getan hatte. Dann stellte ich fest, dass der Tag noch nicht zuende ist. Dann hing das Aufgeschriebene auf eine hier nicht näher beschriebene (auch gerade nicht beschreibbare) Weise „in der Luft“. Unbestimmte Zeit, unbestimmtes Tun, zu viel Eindeutigkeit.

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Di, 07.07.2020

Präteritum schleicht sich in das Schreiben. Ich schreibe nicht: „Ich besuche SIE beim Camping“, ich schreibe: „Ich besuchte SIE beim Camping.“ Obwohl ich dort ganz gegenwärtig war, aufgehoben im Augenblick ihrer (und auch meiner) Gegenwart, gar nicht mal nur verliebt, sondern so ganz da und unweggedriftet – warum erschien mir jetzt beim Schreiben dafür das Präsenz nicht adäquat? Wozu dieser Gestus des Erzählens, wo es doch um „this is a recording“ gegangen war, als ich an ihren Lippen hing? Und selbst als ich das Wasser filmte, das hernach an der Ablegestelle wellte, in dem Moment der Aufnahme dachte ich in der Vergangenheitsform, obwohl sie der Empfindung nicht entsprach. Oder eben doch? Vielleicht ist die Schreibgeste zur Zeit verlässlicher als die des Sprechens.

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Mo, 06.07.2020

Da ist wieder ein Widerstand gegen das, eine Verweigerung dessen, was mir an sich gut tut. Nachmittags verschlief ich die Gruppentherapie. Ich hatte mich um 15 Uhr bleiern müde hingelegt, den Wecker auf 16 Uhr gestellt, um bis zur Therapie um 17.30 Uhr noch minimal zu arbeiten. Um 18.30 Uhr erwachte ich, noch schwerer als beim Niederlegen. Gefühl von Scheitern. Eine Art Rückfall. Erst war ich aufgeregt, geradezu entsetzt. Später mildes Schweigen. Stumm.

>> 06.07.2010
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So, 05.07.2020

Traum: Ich bin auf einem Rückweg, den ich nicht finde, obwohl ich ihn mir auf dem Hinweg eigens eingeprägt hatte. Das Fahrrad muss ich meistensteils schieben, weil es einen Platten hat und – während meines Aufenthalts dort, von wo ich jetzt zurückfahren will, in enormen Tempo (oder ich war dort länger, als gedacht) – völlig verrostet ist. Mir fällt das Wort „Rostlaube“ ein. Ich muss rechts abbiegen, das habe ich mir gemerkt, bin aber eine Straße zu spät abgebogen, so dass ich in ein Gebiet der Stadt komme, das ich nicht kenne. Je mehr ich bemerke, dass ich mich verirre, fasse ich den Entschluss, diesen Irrweg zurück zu gehen, bis ich wieder auf der großen Straße ohne Radweg bin. Immerhin habe ich mir diesen Wegteil merken können. Die Straße gehe ich auch wieder ein Stück zurück (in die Richtung der Hinfahrt), bis ich zu der richtigen Einbiegung komme, die ich jetzt natürlich links nehmen muss. Dort, vorbei an hohen Holzzäunen, die aussehen wie aus den 50er Jahren übriggeblieben, mit dicken Placken abblätternder Lackschichtungen, scheint mir die Umgebung wieder vertraut. Ich komme an einem Platz an, rechter Hand eine Buchhandlung. Ja, hier bin ich richtig.

All das in einer Sommernacht, die während der vielen Umwege schon morgendämmert. Ich lehne das Rad an einen Laternenmast und kaufe bei einem Kiosk, der gerade erst geöffnet hat (ich bin der erste Kunde), Zigaretten. Als Wechselgeld erhalte ich Goldbarren. Sie haben eine Punze in kyrillischer Schrift. Ich habe bei „Aktenzeichen XY“ aufgeschnappt, dass solche Goldbarren Fälschungen sind, aus Blei, gold bemalt und gerade „zunehmend in Umlauf“. Das macht mir aber nichts. (Ärgerlich ist nur, dass diese Goldbarren zu schwer für das Portemonnaie sind, das in der Gesäßtasche die Hose nach unten zieht.) Ich rauche, bevor es mit der Rostlaube weiter geht.

Woher kam ich, wo war ich am Vorabend gewesen? Jetzt habe ich es wieder vor Augen: Multi-Vernissage-Party in einer WG, bewohnt von einem Dutzend Künstlerinnen, Atelier-Loft mit großen Cinemascope-Fenstern. Unter den Künstlerinnen eine Autorin, auf die ich mal ein Auge geworfen hatte, jetzt wieder. Sie hat, wie sie in einem ironischen Ton sagt, weil die Formulierung so oldschoolig ist, „die neuesten Scheiben im Schrank“ und legt die auf. Sie sieht mich (mit Spock-mäßig hochgezogener Augenbraue unter der Haartolle, die ihr asymmetrisch ins Gesicht fällt) auffordernd an und fragt, ob ich Band und Album erkenne. Mir ist die Musik völlig unbekannt, und ich kann daher nicht bei ihr punkten. Leider müsse ich jetzt auch los, der Rückweg sei lang und unübersichtlich, bin aber nochmal auf der Toilette. Die Seife dort ist selbstgekocht mit einem „ordentlichen Wumms Weed“ drin. Ich raspele mir einige Späne davon ab, Wegzehrung für den Rückweg.

(Die Frauen aus der WG, alle sehr intellektuell und daher klischeehaft mit Brillen, sind entweder welche, mit denen ich mal zusammen war, oder solche, mit denen ich gern eine (erotische) Beziehung beginnen würde. Keine von ihnen ist gegenwärtig an meiner Seite. Das finde ich auffällig und versuche im Traum zu deuten, was das bedeutet.)

>> 05.07.2010
>> 05.07.2000
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Sa, 04.07.2020

Der doppelte Schlaf. Ich träumte, dass ich einen Schlafplatz suche, mir den in einer Nische einrichte, mich hinlege und dann einschlafe. Ich träumte, dass ich schlafe, ich schlief im Traum – traumlos. Allenfalls wie ich die Liegeposition, die etwas unbequem ist, wechsele.

>> 04.07.2010
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Fr, 03.07.2020

„So spricht die Revolution: Ich war, ich bin, ich werde sein.“ (Rosa Luxemburg) Allgegenwärtig also. Aber in verschiedenen, zur Zeit kaum kenntlichen Zuständen. L. sagt im Gespräch, sie habe bei dem Begriff Revolution, den ich früher bei aller Gelegenheit und kämpferisch im Munde führte, immer schon Bedenken gehabt, vor allem wegen deren Kinderfresserei. Dennoch habe sie so ein Gefühl von tiefgreifender Änderung gerade. Bei mir auch. Irgendetwas tut sich gerade, Wandel naht. Und das im Stillstand der Tage gerade, die ich minutiös durchprokrastiniere. Aber sie, die Revolution, „schweigt von weit“ (auch so ein oft gebrauchtes Wort von mir), etwa auf den Snapshots, die ich gestern beim Zurückkommen vom Somnologen knippste. An der Wand des benachbarten Gebäudes ein Tag mit den Namen „der Klassiker“.

Und an dem Bügel, wo ich mein Rad angeschlossen hatte, es aber beim Anschließen nicht bemerkt hatte, erst bei der Abfahrt, der Aufruf zur Veränderung der Eigentumsverhältnisse an den Produktionsmitteln.

>> 03.07.2010
>> 03.07.2000
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Do, 02.07.2020

Der regelmäßig gewordene Besuch beim Vater. Wir sprachen über Erinnerungen, namentlich seine. Im Elternhaus verfalle ich eh immer in den Modus Erinnerung. Ich streife durch den Garten in den inzwischen völlig überdachten Hohlweg (zum Komposthaufen, der kaum noch genutzt wird, da inzwischen umwuchert, eingewachsen). Gefühl von Höhle und Erinnerung daran, wie ich mir solche als Kind – wie wohl alle Kinder – „anverwandelte“. Mich faszinierte daran die Qualität Raum, Abgeschlossenheit. Laubhütte. Jetzt gehe ich da mit Kamerablick durch, achte auf die Kadrierung, die Erschließung des Raumes durch die Kamerabewegung.

>> 02.07.2010
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