händchen halten

so nimm dann meine hände,
ich führe sie und dich.
ich leg’ sie nieder unbewegt
auf deine lippen, haut.

ich senke meine finger
tief in dich, so vertraut,
und hör’ dich singen,
fühlt’ dein so erbeben.

ich zeige dir den einen finger,
wend’ an’dren in dir an.
ich bin das herz, der weg,
das beben, das in dir ist angefang.

ich reiche dir die hand
und bete, falte finger am altar,
dass du sie nähmest, meine hände
in deine warmen immerdar.

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the making of die vier jahreszeiten eines ganz bestimmten mädchens

die vier jahreszeiten eines ganz bestimmten mädchens

was ist ein sommermädchen?
eines so wie du: verzagt,
so hadernd, dass selbst wenn ich sang vorm balkon
„only you“, du mir nicht hast geglaubt.

was ist ein wintermädchen?
in schneiend nacht sie sprach von liebe,
sandte fotos, mich ertau(b)end.
wir waren wie die dieb’ dem taugewitter verweht.

was wär’ ein herbstmädchen
mit blätterfall, fühlt sich verwelkt?
ich les’ ihr nach gefall’ne blüten,
und zähl’ ihr auf ein jedes blatt,

das blieb, noch grünend, an dem birkenstamm,
der mein frühlingsmädchen, wie gott ihn schuf, umtanzt.
es halte ein in spalte dann,
was rinnt zu früh mir ewig weg und wann?

ja, wann wird’s ende ausgesetzt im lispelschwarm?

„Jenen, die Gott lieben, muss auch ihr Betrüben lauter Zucker sein …”
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das ver[sch]winde[l]n

indem ich bin, was ich bin,
entwerfe ich auch,
was ich für dich bin,
davon unabhängig,
indem ich anhängig dir bin,
ein schwindelnd verschwinden.

denn ich bin, sagst du, „zu zart“
für das geheimnis des kommens,
mehr noch das des gehens –
mit meinen schuhen im treppenhaus
plötzlich ganz allein,
durchs geöffnete fenster
dringt licht, strahlt mich an
wie eben noch dein lächeln
zum abschied.
du schlosst schon die tür.

das sehnen, das warten,
das sich verzehren.
das warten auf den zug –
hin und her.
das sitzen, zittern, singen
auf den wegen, die fröhliche erwartung.
das gewesen sein und sein und werden,
das die bahnhöfe zählen bis zu und von dir
und die minuten, vorher tage, stunden.
vormals ganz die jahre.

und dann du, hebst die arme
in den sommer, rasierte achseln,
damit ich die feuchte dort,
dich da riechen und schmecken kann.

die leidenschaft,
vier jahrzehnte gezüchtet,
verdichtet, gesteigert
im solo eines bassisten,
der die saiten schlägt und
streichelt, der den ton
achtet wie das ereignis,
eine sexzehntel note,
wenn du die lider aufschlägst und
schaust mich an.

„na?“, sagst du dann,
ich in völligem erstaunen sprachlos.
die annäherung intensiver fühlend
als die nähe, die ferne
umso fremder.
mich aufgehoben fühlen
in eben solchem spalt,
erweitert, erleichtert.
und dann stehen, streben,
aufrecht sein und mit dir gehen.

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geräusch des miteinander schlafens

wie singen wir im letzten akt,
dem dritten der komödie,
in der tragödie fünftem
gemeinsamen orgasmus?
wie klingen wir, die schlafen
sich aneinander zu in eins?

du dichtest und ich dichte
uns dazu die partitur.
choräle oder lieber sinfonien,
walzer aufeinander oder tango im
enjambement? üben wir nur stellungen
oder auch rhetorische figuren?

wie reden wir von liebe,
die wir machen, bei der wir lachen
und kaum ein’n gag hernach versäumen?
können wir das lippentasten, zarte,
als worterfindungen verbuchen,
dies leise lispeln, unerhört?

ich würde manches hier zitieren,
was du gestöhnt, mich wirr gemacht.
ich spar’ es aus, denn uns’re liebe
braucht neue sprache:
viel wissend’, noch mehr fühlende,
silbenfall von fall zu dir verfallen.

moon mo(u)rning

ich schau dich an, membrane deiner haut,
in augen die so sehnen, flackern auch,
und senken schüchtern dann die lider,
wenn beide wir nach worten suchen
für das, was eben sich ereignet,
als wir ins miteinander schliefen.

erinn’re ewig unser „erstes mal“.
da sangst du sanft und sprachst mir dann
ins ohr so süßes, kämmtest mir das haar
und küsstest, es sei weich.
und ich in komparaleviten über deines.
so schallen wir, uns still beschlafend, hin in poesie.

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blühen | blüten

und deine zunge an meinen lippen:
schweig!, sagt sie und spricht:
dichte nicht, doch liebe mich!

die wetterwettbewerberinnen im tv
auf nackten füßen in sandals und high wedges
verkünden, dass wir uns erhitzen werden.

auf deiner stirn wie meiner
der morgen- und nachttau
wie schweiß, der das fenster öffnen möchte.

hört man uns dahindurch,
unser lüsternes flüstern?
wie weit dringt es in welt

als die botschaft der liebenden,
dass, wo sie sind, ist hoffnung
auf bess’rung der welt?

und was uns’rer zarten flüsse und quellen
dringt bis hin ins meer?
was schmecken die rochen von uns?

was riecht so wie deine blüten,
verbotene stempel, erlaubende blätter?
nichts, sag’ ich, versuch’s im vers zu verstehen.

nachtschattengewächse, tomatenerrötung
deiner scham, meiner wangen und eichel.
ich ernte die früchte, überreif dir.

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weicher und lichter und leichter

das weiche vom tage,
der weicht,
ist das sehnen und endlich verstehen,
das singen zu beginnen,
doch für einen langen moment vor den träumen
zu schweigen.

so mag es mit der liebe sein:
dass, spürst du sie,
nicht berührst,
wie sie in fernen noch wächst,
und du staunst, dass sie so ist:
betörend über alles beschwören

hinaus dich trägt und hinein
in die eindämmerung,
wo die letzten vögel singen
schlafbetrunken schon.
wie die sterne, die aufglimmen
in ihrer ferne.

je schwerer die zunge,
desto leichter die lippen,
die nicht mehr worten,
sondern küssen wollen.
und die augen senken die lider
stirn an stirn – und genau dann schauen dich an.

gereckte blicke,
auf’s ferne gestellt umso näher.
verstohlene wand’rung der finger
im ertasten so weise,
als wären ihn’n messtischblätter einbeschrieben
und weiße flecken auf karten erbunten.

dein widerspruch, die trauer der arbeit,
noch zu verrichten, wird hoffnung,
gebet, wenn’s so spät.
als stelltest du kerzen in fenster,
zu locken die düst’ren gespenster
aus dunklem ins leichtere licht.

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schlummer-filet 19: zu zart

er wird nicht gehen, wenn sie nicht kommt. er wird bleiben, wenn sie geht. denn wenn sie geht, dann kommt sie in den augenblick – er sagt, zu ihm. sie sieht ihn an und schweigt ins lächeln, wenn er redet, wenn er live auf ihre brust hin hat gedichtet, herz gezeichnet, wenn er sich echauffiert, wenn er glimmt und brennt für sie, wenn er sagt ihr (wie all die and’ren flüsterer), dass er sie „genauso“ liebt.

sie kennt das: männer sagen, dass sie lieben, weil sie meinen, dass sie dann in sie hinein dringen könnten. bei ihm, das merkt sie, ist es anders. er sei dafür „zu zart“, sagt sie. für all das, was ihr angetan. da gäb’ es videos … er möcht’ sie sehen. sie sagt: „du bist zu zart dafür.“

er aber fühlt, wenn er sie küsst am hals, an der schlagader, am ohr, wo ihr duft ist intensiv, wenn er dort ganz irr wird davon, sich vergisst, dass sie noch zarter ist. doch gewandt mit den gewalten der gewaltigen, der „wichser“, „ficker“. sie ist erfahren, gefangen, spürt er, mädchen noch, doch lang und oft genug schon frau.

sie beide nenn’n das „streicheln“, wenn sie in ferner nähe sich’s einander machen. ihr blowjob ist zu geübt, als dass er davon absehen könnte, wie sie sich dabei streichelt, zweifingergewandt. und als er’s sieht, kann er nicht kommen, er muss gehen in den traum von ihr.

er fasst sie an, ganz vorgesichtig, mit seinen fingern hin und weg unter ihr kleid. sie sieht ihn an dabei, flüstert „oh gott!“ er fragt, ob sie nachhaus’ gehen sollten. sie sagt ja, ich will, ja. auf dem weg ist sie ganz verwirrt von lust und angst. zuhause ziehen sie sich aus. sie haben keine zeit, schon gar keine ewigkeit, die jetzt, als kleine zumindest, notwendig wäre. sie sind schnell, sie kommt schnell, wenn er sie leckt, mehrmals. er nicht, er kann’s nicht so. und dennoch ist’s sein großes, tiefes glück.

als sie hernach sitzen, wo ihr kind leibesübungen macht, die sie bewundern, fasst sie wie zufällig seine hand. niemand sieht’s. sie ist vorsichtig und wie er „zu zart“ für diese große, große liebe. doch sie fasst seine hand, streicht darüber. und in dem moment hätte er ihr einen heiratsantrag gemacht. er hält sich zurück, er darf nicht überborden. doch er sieht sie an als braut, sieht ihren schleier – über ihren füßchen, die sie wissend ihm gezeigt und zeigt.

später im zug zurück, dichtet er. und schreibt ihr. lang ist sie nicht online. sein ewiges „ich liebe dich“ beantwortet sie nicht. denn er ist zu zart dafür. aber sie hat ihm etwas mitgegeben, was nach ihr duftet. aus der parfümerie – und ihrer scham.

er schnuppert d’ran, heimlich noch im zug, dann ist er sich gewiss: ich werd’ sie nie aus meinem herz mehr lassen. er schreibt ihr diesen satz nicht. er ist zu kitschig. wenn auch so wahr, so duftend nach ihr – wahr.

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träume

ich träume im
möglichkeitssinn,
nicht realistisch, aber
was möglich wäre,

müssen wir erst träumen:
um deine hand dich bitten,
meine gereicht so offen
im traum dir hin.

ich träum’ dich an,
dich umarmend,
dich schützend davor,
dass du sie zurückweist.

vielleicht musst du das –
im schutz vor schwärmern.
doch mein ansinn’n schreib’ ich
in deine welt.

ich träume, was
wir seien könnten:
ganz brav und bürgerlich.
ich träum’ vom nicht

un-, aber kaum möglichen.
so ist das mit den träumen,
sie träumen ganz real
die utopie, die träum’ ich weiter.

(180508 – tag der befreiung)

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vor den zeiten

was war, bevor die zeit im all begann,
bevor uns und danach die zeit selbst war?
was ist vor dem, als unser singen sang
und welchem waren all die jahre da?

sie waren bruchteil ihrer selbst wie wir,
war’n kaum die zeit, nur deren anbeginn.
die zeit war damals unbefangen schier,
sie tickt’ seither wie uhren ihr’n gewinn.

und doch gibt zeit uns ihre drängend kraft.
wir sind noch jung, schon sind wir von ihr alt
und staunen, wie sie uns sich hingebracht,

wie sie verrinnt und formt uns die gestalt.
sie sagt, dass wir wie sie vergehen müssen,
und doch umarmt sie mit sekundenküssen.

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meere | maria

„La mer / les a bercés / le long des golfes clairs / et d’une chanson d’amour, / la mer / a bercé mon cœur pour la vie.“

„Das Meer / hat sie umschmeichelt / entlang der klaren Meeresbuchten / und mit einem Liebeslied / hat das Meer / mein Herz beruhigt für mein ganzes Leben.“

(Charles Trenet)

DU bist das meer, und ich bin deine küste.
ich brand’ dir zu, wir geh’n an unser land.
DU bist das schiff und ich dein sich’rer hafen.
ich halte deinen ausgeworf’nen anker.

wir sind die mária in mondes wüste,
das feuchtgebiet, amphibien so verwandt.
wir sind die segel, die im winde schlafen,
sind seelenfrachter und der liebe tanker.

DU bist das meer, das dringt in meine buchten,
mit den’n ich deiner stürme well’n umfasse,
denn wir schau’n tief in uns’rer meere schluchten.

dein haar, noch nass, maría! duft nach bad –
auf dass ich’s meer nie mehr dem lied entlasse,
das mit dir singt und sinkt auf uns’rem pfad.

(180315 | pour maria)

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