Der Rote Charon

Frühwerk, oktjABER, 1987, vor 30 / 40 (RAF) / hundert (LENIN) Jahren … „Worte sind auch nichts als geordnete Geräusche …“

Der Rote Charon (Typoskript 1987, PDF)

Der Rote Charon (Typoskript 1987, S. 1, gelesen von ögyr):

Der Rote Charon (Fuga à 3 voci, Typoskript 1987, S. 18-23, gelesen live bei der Lesung im Café Godot am 7.11.2017, simultan von ögyr (1. Stimme), Henning Schöttke (3. Stimme) und Stefan Schwarck (2. Stimme)):

((Durchaus in der Tradition von Brechts „Lehrstück“ „Der Ozeanflug“, Radio-Experiment (siehe dazu auch Brechts Radio-Theorie, eine frühe Medientheorie) von 1929)):

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turm #2 (turm im sturm)

da steht er fest und thront, mein turm im sturm.
der letztere an seinen segeln zerrt,
bläht sie zu keiner fahrt. mir, nachbars wurm,
hingegen bläst und steht er wie gefährt’

an den balkonen in des herbstes winden.
der eine trotzt mit masten, and’rer weht,
und beide sind, die sich einander finden,
wo neues bleibt und altes trümmernd geht.

der turm, er steht, und ich werd’ stürmend weichen.
die luft im schnellen flug, das meer den damm
wird lüstern leckend ihn jetzt übersteigen

wie ich den segelnd turm bislang noch nie.
den mast bestieg ein anderer, war dann,
was ich noch werde, beugend hin mein knie.

(171028)

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junker jörg

#1

sein name, luther, martin, doktor, steht
zumind’st in meiner steuer und erklärung:
so „evangelisch-lutherisch“, es geht
ein protestant in solch getaufte währung.

ich hieß wie er in der diaspora,
und will kein wartgebürger nimmer sein.
denn junker sind die schlotbarone da,
wo der johannes noch in fluss darein

versenkte sünd’ge häupter, sie dem herrn
zu geben, dessen sprach und worte luther
hinübersetzte in das nah vom fern,

zitierte griechisch in das völkisch germ-
und manisch, wessen heut’ges gierig futter
migranten frisst wie hex’ und juden gern.

#2

martinus, du mein bruder, warst es nicht
und doch des tintenfasses werfend vetter.
schriebst treulich nächtens in derselben schicht
vom schlimmen fluch der fünfzehnvierzig wetter,

dass die der hexen war’n wie’s kapital,
der ablasshandel für das COzwei.
und in dir sehnend jenes dazumal
war wie verstümmelt stummen doch der schrei.

wie an der tür die fünfundneunzig thesen
verrotteten, und bäurisch heiße kriege,
von dir entfacht, war’n unbefreites wesen

im zeitenrund der darauf harten hiebe.
was dichtern in der verse rund geschehen,
ist immer nach und doch zuvor verwehen.

#3

exil an wartburgs heiligem gestade,
wie einst jersusalem, so kreuzverhügelt,
war deine schrift auf jenem g’raden pfade,
der jeden widerspruch hat ausgebügelt.

so ist’s, wenn wir, im heil’gen dienste ketzer,
verzeich’nen unser wort den mächtigen,
als deren schrift auch treulich übersetzer,
die nachgeborene beschäftigen

mit dem, das wir im widerwort gefunden,
die lieder sangen gegen schlimme feinde
und beteten doch dort, wo längst verschwunden

wir waren, fern von jedem treuen eide.
denn unserer gesang kennt keine maße
des vers’. wir sind in seiner filterblase.

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Schöttke, Schwarck, Meyer (und Aulike aus der Ferne) lasen „Vom Kranksein“

Di, 3.10.2017, Kiel, Café Godot (Audio-Mitschnitt)

Ankündigungstext:

Nils Aulike ist erkrankt, deshalb lesen Stefan Schwarck und Jörg Meyer (ögyr) als zum Duo reduziertes Trio (plus Gast Henning Schöttke, also wieder ein Trio) – passend – „Vom Kranksein“. Krankheit ist ein sehr menschlicher und zugleich poetischer Zustand. Von Thomas Manns „Zauberberg“ nicht zu schweigen, in dem Krankheit ganz eng mit der Kunst verbunden wird, quasi die erstere als Voraussetzung für letztere, lesen Schwarck und Meyer von eigenen oder angehörigen Krankheiten, die immer auch die Dichter beflügelten. Denn Krankheit ist eine Chance, indem sie den Menschen an sein Äußerstes wie Innerstes bringt.

(v.l.) Schwarck, Schöttke, Meyer bei der Lesung „Vom Kranksein“ am 3.10.2017 im Café Godot (Foto: Rosemarie Krützfeldt, www.agentur-barfuss.de)

  • 1. Schwarck | aus Moliére: „Der eingebildete Kranke“ | 0:00:00
  • 2. ögyr & al. | Begrüßung | 0:03:37
  • 3. Aulike (gelesen von Schwarck) | „die krankheit ist ein fluß …“ | 0:06:10
  • 4. Schöttke | aus „Acedias Traum“ | 0:09:42
  • 5. ögyr | Gebr. Grimm: „Das eigensinnige Kind“, ögyr: „das unbehauste kind“ | 0:22:45
  • 6. Schwarck | Christian Morgenstern: „Der Schnupfen“, Schwarck: „Das Klingeln des Telefons …“ | 0:26:00
  • 7. Schöttke | aus „Acedias Traum“ | 0:29:30
  • 8. ögyr | ögyr: „anastomose“, Heiner Müller: „Herzkranzgefäß“, ögyr: „schamlos“ | 0:35:15

— Pause (geschnitten) —

  • 9. Schwarck | aus Ken Kesey: „Einer flog über das Kuckucksnest“ | 0:40:10
  • 10. ögyr | aus der „Byebyepass-Reha“: „1. Die Mühen der Ebenen auf dem Zaubergebirge“ | 0:51:45
  • 11. Schöttke | aus „Acedias Traum“ | 0:57:42
  • 12. Schwarck | aus Roland Lambrecht: „Melancholie. Vom Leiden an der Welt und den Schmerzen der Reflexion“ | 1:11:50
  • 13. ögyr | aus der „Byebyepass-Reha“: „3. Zauberberg. Figuren“ | 1:15:35
  • 14. Schwarck | Schwarck: „Fliegen lernen“, Ernst Jandl: „fünfter sein“ | 1:23:15
  • 15. ögyr & al. | Abkündigungen | 1:25:50
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das selbe lied

wir singen, selbst wenn
wir einander nicht hören
das selbe lied,

lauschen der selben melodie,
schauen den selben mond
hinter wolken an,

sehen die selben sterne
mit nur geringer paralaxe
in der selben himmelsrichtung.

so ist’s bei denen, die
die selben lieben,
fern und daher nah.

zwei gleiche, die nicht
das selbe sind. denn
selbst müssen wir bleiben

als die, die sich gleichen.
so singen wir einander
das selbe lied.

(für юлия zum 39.)

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der sommer geht

etwas wie herbst vor dem fenster,
am balkon das stete tropfen,
die nacht dunkler noch.

der sommer geht, herbstet sich ein,
fett die kürbisse, dürr
verbleibende blüten.

etwas wie tod am bette,
der schnitter legt sich schlafen,
träumt vom schnitt seiner sense.

der winter, nicht mehr weit,
atmet schon voraus.
und wir verschwinden.

etwas wie frühling,
sehr von fern. es sei denn,
man hört’ ihn schon flöten.

(170908)

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fuga à due voces

oh ja, ich sang dir meinen kontrapu[ck/nk]t
in den schlitz, in das sehnen.
zweistimmig war ich, im kontradickt,
ich schrieb es in fut und fuga.

und sahest du mich so singen,
du hättest mich nicht ge- und erhört.
du bliebest im schweigen, das weib,
das mir die wäsche wäscht, gut’s mir zu tun.

das mir das mitternachtsmahl gekocht,
allein, du schwiegest weise all meinen
worten, denn die lassen sich nicht
braten im kreis einer pfanne,

wo jetzt das ei-gewusst des schweines
denaturiert oder der kühe,
die ihr haupt senken den schlächtern
wie ich dir hin.

oh ja, ich sang dir vom grabe,
vom balde das tröstende lied.
und wenn nicht, doch dann von den fenstern
den öffnenden klick.

(170907)

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wohin ich ging

woher ich komm’, will ich nicht hin,
auch nicht, wohin ich geh’ und ging.
ich bleibe stehen und halt’ in’
am orte, wo ich nicht mehr bin.

wohin ich streb’, ist mir entgangen,
es war mal was wie utopie,
der’n dichterwortes schweres bangen
war leicht verheißen, doch mir nie.

woher kommt’s sehnen nach dem nicht,
wohin will dieses volle herz
euch ausergießen sein gedicht,
wo wiegt es lichtend schwer wie erz?

wohin will all das traute gehen,
wem ist sein ziel einst zu ersehen?
und wo wird dem erliegen stehen
ein grab, in das wir, ach, verwehen?

(170818)

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der ausbruch des toba

dem ausbruch des toba folgten aschewolken,
die alles erstickten – in einer art beton –
ist im begriff auszusterben.

wie aber ausbruch, katastrophe
als anbeginn? wie also das
ewige verharren?

der toba explodierte,
wir aber nicht, blieben die zündschnur
am dynamit, den stangen aus …

… vielleicht nitro und glyzerin,
das sichere, wenn es auf explosion
zugeht, in sicherem abstand.

denn wir gehen so rasch,
wie wir gekommen,
nichts hält uns außer

im dazwischen, da wo
die detonation innehält,
etwas noch sagt vor dem inferno.

ihr aber, so ihr noch zündet,
gewähret unser die löschung
der zeit und uns’rer davor.

(170806)

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des sich erinnerns

die sprachgestalt des sich erinnerns
das wehen im gewehwehweh des sturms,
im fördewasserglas des wimmerns,
an mauern dieses turms.

die frauen, ja, die lieben,
der harem eines dichters sangs.
und wären wir, die das betrieben,
wir wären lobende des angefangs,

der vor dem ende, lange, sänge
noch von solchem angefüge,
das brächte aus der ferne in die enge
die wahrheit in die fuge jener lüge.

wie war erinnerung, ein bild von gestern,
dies wild aus leben,
dies sich verschwestern
mit gebrüdern und vergeben?

wir sangen,
wie wir das angefangen,
in diesem einen wort und vers,
auf dass gelangen wir ins rückgewärts.

(170721)

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