in nacht und tag

die nacht nun wieder: jäh ein immer ja!
am tage dann das kleine leid, weil tag
und nicht die nacht, wo ehrlicher ist’s da.
als wär’ es so, dass nur in nacht ich wag’

das wilde, wirre: auf- und untergang.
die nacht, so sag’ ich aber, ist das wahre,
sie weiß vom ende als dem angefang,
von nachgeburt auf tages morgenbahre.

ich sang von jeher nacht-, statt tageslieder,
war mondes bleicher statt der sonnen schein,
doch bleib’ ihn’n treu, den nächten immer wieder.

denn was wir sind, am tage möchten sein,
ist in der nacht hernach so ganz verweht,
auch wenn’s am tag, der folgt, nur schüchtern steht.

(180126, für maria & merlin)

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fünf vier

(„new no new age advanced ambient motor music machine“, „das lied schläft in der maschine“ – einstürzende neubauten)

drei, zwei und eins auf null: countdown! und wen’ger
als nach unendlich ist es nicht, das lied,
die fünf gefüßten verse: vier es biet’,
quartett den jahreszehenzeiten später.

und davon zwei, für kindheit, wachsen dann …,
der kleine tod am wendepunkt, ersehnt
in gegenwart und gegen jedes „wann?“
ins „jetzt!“ vielmehr, in diesen vers! – verschämt …

darauf verschwinden hinter text wie einst.
die verse jetzt ein flotter dreier eint,
der weiß, ach, um das leben, so beredt.

mit einem kuss nur möcht’ ich bei dir landen
die lippen stumm, weil scheu verliebt, erwählt,
auf fünf, vier, drei vereint mit dir zu tanzen.

… und die einstürzenden links aus jener nacht …:

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turm #3

mein turm, durch jahreszeiten angeschau,
ein hämmern an gerüsten und dort wehen:
wenn tage gehen, und die nacht ins grau,
werd’ ich dir an der seit’ und mauern stehen.

er läutet mir tagnächtlich jede stunde,
mein turm auf seiner sandversteinten wacht.
er geht in seinem schacht die neue runde
durch all’ die tage in die nächste nacht.

mein turm in nach(t)barschaft so sehr vertraut,
du wankst in bildern meiner kamera.
denn wo der himmel nachts und tages blaut,

steh’n du und dein geripp’, selbst wenn es graut.
so geh’n die steine hin ad aspera
wie ich, der dich in düst’ren wolken schaut.

(180107)

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meine lieder

meine lieder sind der lieb’ synkopen,
ein stottern immer in den schrägen vers.
mein gedicht ist wie das der utopen,
ein schweigen und so singen winterwärts.

ich hatte sommer, ja, und war in herbsten
gold’nes laub, im frühling war ich blüte
und blutete aus stets dem vollen herzen,
verzichteter und dir zu gut und güte.

ich war auf angefang an jedem ende,
ich sang in meine stille jedes lied
und hob dir, liebe, meine beiden hände,

als ob ich sie in meine verse hieb.
als ob zumal das immer wieder zaudern,
dass dies gedicht doch wird mich überdauern.

(171219)

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buch[t]fluch[t]

neuestes video.poem, courtesy c|k|m:

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erotix with audrey

these are my ticks, mein ewig sehnend witz,
den ich nur dir als rote kapp’ erzähle.
ich senke mich des nachts in meinen sitz,
auf dass ich deinen süßen schlaf verfehle.

denn da bin ich, wenn du erwachst aus träumen,
doch nicht an mich, nicht meiner teiche schäume,
wenn das geheimnis schwitzt, das uns verbindet
und uns dasselbe in die nacht noch schindet.

kein paar wär’n wir, die beiderseit’gen künstler,
doch uns’res „erotix“ – gemeinsam dichten
wird lichter, wo die and’ren wixen finster.

wir sprechen auf und treten an, belichten
inmitten feuchten labien und füßen,
was die nicht wagen: gehen, sich zu grüßen.

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Der Rote Charon

Frühwerk, oktjABER, 1987, vor 30 / 40 (RAF) / hundert (LENIN) Jahren … „Worte sind auch nichts als geordnete Geräusche …“

Der Rote Charon (Typoskript 1987, PDF)

Der Rote Charon (Typoskript 1987, S. 1, gelesen von ögyr):

Der Rote Charon (Fuga à 3 voci, Typoskript 1987, S. 18-23, gelesen live bei der Lesung im Café Godot am 7.11.2017, simultan von ögyr (1. Stimme), Henning Schöttke (3. Stimme) und Stefan Schwarck (2. Stimme)):

((Durchaus in der Tradition von Brechts „Lehrstück“ „Der Ozeanflug“, Radio-Experiment (siehe dazu auch Brechts Radio-Theorie, eine frühe Medientheorie) von 1929)):

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turm #2 (turm im sturm)

da steht er fest und thront, mein turm im sturm.
der letztere an seinen segeln zerrt,
bläht sie zu keiner fahrt. mir, nachbars wurm,
hingegen bläst und steht er wie gefährt’

an den balkonen in des herbstes winden.
der eine trotzt mit masten, and’rer weht,
und beide sind, die sich einander finden,
wo neues bleibt und altes trümmernd geht.

der turm, er steht, und ich werd’ stürmend weichen.
die luft im schnellen flug, das meer den damm
wird lüstern leckend ihn jetzt übersteigen

wie ich den segelnd turm bislang noch nie.
den mast bestieg ein anderer, war dann,
was ich noch werde, beugend hin mein knie.

(171028)

Update: 180109

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junker jörg

#1

sein name, luther, martin, doktor, steht
zumind’st in meiner steuer und erklärung:
so „evangelisch-lutherisch“, es geht
ein protestant in solch getaufte währung.

ich hieß wie er in der diaspora,
und will kein wartgebürger nimmer sein.
denn junker sind die schlotbarone da,
wo der johannes noch in fluss darein

versenkte sünd’ge häupter, sie dem herrn
zu geben, dessen sprach und worte luther
hinübersetzte in das nah vom fern,

zitierte griechisch in das völkisch germ-
und manisch, wessen heut’ges gierig futter
migranten frisst wie hex’ und juden gern.

#2

martinus, du mein bruder, warst es nicht
und doch des tintenfasses werfend vetter.
schriebst treulich nächtens in derselben schicht
vom schlimmen fluch der fünfzehnvierzig wetter,

dass die der hexen war’n wie’s kapital,
der ablasshandel für das COzwei.
und in dir sehnend jenes dazumal
war wie verstümmelt stummen doch der schrei.

wie an der tür die fünfundneunzig thesen
verrotteten, und bäurisch heiße kriege,
von dir entfacht, war’n unbefreites wesen

im zeitenrund der darauf harten hiebe.
was dichtern in der verse rund geschehen,
ist immer nach und doch zuvor verwehen.

#3

exil an wartburgs heiligem gestade,
wie einst jersusalem, so kreuzverhügelt,
war deine schrift auf jenem g’raden pfade,
der jeden widerspruch hat ausgebügelt.

so ist’s, wenn wir, im heil’gen dienste ketzer,
verzeich’nen unser wort den mächtigen,
als deren schrift auch treulich übersetzer,
die nachgeborene beschäftigen

mit dem, das wir im widerwort gefunden,
die lieder sangen gegen schlimme feinde
und beteten doch dort, wo längst verschwunden

wir waren, fern von jedem treuen eide.
denn unserer gesang kennt keine maße
des vers’. wir sind in seiner filterblase.

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Schöttke, Schwarck, Meyer (und Aulike aus der Ferne) lasen „Vom Kranksein“

Di, 3.10.2017, Kiel, Café Godot (Audio-Mitschnitt)

Ankündigungstext:

Nils Aulike ist erkrankt, deshalb lesen Stefan Schwarck und Jörg Meyer (ögyr) als zum Duo reduziertes Trio (plus Gast Henning Schöttke, also wieder ein Trio) – passend – „Vom Kranksein“. Krankheit ist ein sehr menschlicher und zugleich poetischer Zustand. Von Thomas Manns „Zauberberg“ nicht zu schweigen, in dem Krankheit ganz eng mit der Kunst verbunden wird, quasi die erstere als Voraussetzung für letztere, lesen Schwarck und Meyer von eigenen oder angehörigen Krankheiten, die immer auch die Dichter beflügelten. Denn Krankheit ist eine Chance, indem sie den Menschen an sein Äußerstes wie Innerstes bringt.

(v.l.) Schwarck, Schöttke, Meyer bei der Lesung „Vom Kranksein“ am 3.10.2017 im Café Godot (Foto: Rosemarie Krützfeldt, www.agentur-barfuss.de)

  • 1. Schwarck | aus Moliére: „Der eingebildete Kranke“ | 0:00:00
  • 2. ögyr & al. | Begrüßung | 0:03:37
  • 3. Aulike (gelesen von Schwarck) | „die krankheit ist ein fluß …“ | 0:06:10
  • 4. Schöttke | aus „Acedias Traum“ | 0:09:42
  • 5. ögyr | Gebr. Grimm: „Das eigensinnige Kind“, ögyr: „das unbehauste kind“ | 0:22:45
  • 6. Schwarck | Christian Morgenstern: „Der Schnupfen“, Schwarck: „Das Klingeln des Telefons …“ | 0:26:00
  • 7. Schöttke | aus „Acedias Traum“ | 0:29:30
  • 8. ögyr | ögyr: „anastomose“, Heiner Müller: „Herzkranzgefäß“, ögyr: „schamlos“ | 0:35:15

— Pause (geschnitten) —

  • 9. Schwarck | aus Ken Kesey: „Einer flog über das Kuckucksnest“ | 0:40:10
  • 10. ögyr | aus der „Byebyepass-Reha“: „1. Die Mühen der Ebenen auf dem Zaubergebirge“ | 0:51:45
  • 11. Schöttke | aus „Acedias Traum“ | 0:57:42
  • 12. Schwarck | aus Roland Lambrecht: „Melancholie. Vom Leiden an der Welt und den Schmerzen der Reflexion“ | 1:11:50
  • 13. ögyr | aus der „Byebyepass-Reha“: „3. Zauberberg. Figuren“ | 1:15:35
  • 14. Schwarck | Schwarck: „Fliegen lernen“, Ernst Jandl: „fünfter sein“ | 1:23:15
  • 15. ögyr & al. | Abkündigungen | 1:25:50
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