Fr, 18.6.10 (Sa, 19.6.10, 2:50): Schrille Stille

Von Stille kann kaum die Rede sein. Schrilles Tröten weckt den, der wie Mao “nie vor Mittag aufsteht” (die Tatsache des erst spät Aufstehens wurde neulich in der Dokureihe “Die großen Diktatoren” auf Phoenix dem Genossen Mao angelastet. Freilich, auch kulturrevolutionäre Massenmörder werden erst nachmittags krea[k]tiv – auch so eine Schrille der Stille).

Getrötet wird, weil die deutsche Fußballseele im Hinterhof des Sommers vorm Balkon nach der heutigen WM-Schlappe im Walde pfeift, also trötet, was meine Lunge jedenfalls “am Morgen” noch nicht hergibt.

Wie dem sei, nur eine Anekdote (auch, wie die lautstarken Vuvuseelen die Rättlein verstören). Abends muss ich los zum chiffren-Konzert in der Landesbibliothek im Sartori&Berger-Speicher. Der Weg führt – so oder so gewandelt – durch die Kieler-Woche-Mob-Massen, dieses vergnügt-versuchte Völkchen, das aggressiv wirkt. Überall wird gepöbelt. Nichts einzuwenden gegen Feiern, allein, warum muss dabei mein Vorurteil vom Proll (nicht vom Proleten!) immer wieder bestätigt werden?

Weil auch die Stille schrill sein muss. Schreibe so vorgestimmt wie folgt:

— snip! —

Das Schrille der Stille

Neue Musik aus dem Ostseeraum in der Landesbibliothek

Kiel. Ein Spielzeugklavier tickt durch die Skalen einer imaginären Spieluhr, und vom Tonband dröhnt es düster aus von Hand betrommelten Klaviersaiten. Etwas unbehaglich mutet das an für das Wiegenlied, das Tomi Räisänen bei seinem “Dreamgate” im Sinn hatte, nämlich das sanfte Einschlummern eines Kindes ins Reich der Träume. Was die Auslotung neuer Klangsphären betrifft, ist es dennoch das interessanteste Stück, das das Lübecker Ensemble “Neue Musik im Ostseeraum” in Zusammenarbeit mit dem Projekt “chiffren” und der Deutsch-Finnischen Gesellschaft am Freitag in der Landesbibliothek präsentierte.

Der Finne Räisänen, der auch über seine Komposition “Around the circle” bereitwillig Auskunft gibt und dabei allzu naheliegende Assoziationen ans Kreisen mit seinem Klangarrangement für Flöte, Viola und Klavier, das eher spiralige Struktur hat, widerlegt, lässt das Stille oft schrill wirken – und umgekehrt. Auch “Saar” (“Insel”) für Klarinette und Violine von der Estin Helena Tulve ist klanglich nichts für romantische Robinsons. In das Gehör ebenso konzentrierenden wie verengenden Vierteltonintervallen tastet sich das Stück an ein Zentrum heran, das es doch als Geheimnis unberührt lässt. Mit bewusst schrillen Streicherhöhen arbeitet Tulve sich auch in ihrem Klaviertrio “lumineux/opaque” an diesem geheimnisvollen Mittelpunkt Stille ab.

Juste Janulyte, Litauerin und als 1982 Geborene die jüngste Komponistin dieses Abends, fordert Klarinette, Violine und Klavier auf: “Let’s talk about shadows”! Der monochromen Musik verpflichtet, beleuchtet sie das Changieren von Klangfarben, indem sie das Spiel eines begrenzten Toninventars in lichte und schattige Momente taucht. Verwandt ist ihre Musik damit der viel älteren ihres Landsmanns Osvaldas Balakauskas. Seine 1974 komponierten “Nine springs” (hier in der Fassung für Flöte, Cello und Klavier) erkunden sein System der “Dodekatonik” mit nur neun Tönen, die fast klassisch modern, dabei jedoch verspielt an Volksmusik gemahnend, um die Kontraste von schrill und zart tanzen.

Veijo Meris verträumte und dennoch humorvoll antiromantische Gedichte aus dem Zyklus “Kesä ja talvi” (“Sommer und Winter”) vertonte der Deutsche Benjamin Schweitzer ebenfalls klassich modern, als säßen die Zwölftöner hinter seiner Feder. Eine treffende musikalische Sprache wie auch für Hölderlins spätes und enigmatisches Gedicht “An Zimmern”. Im Tübinger Turm sei der Dichter umnachtet gewesen, heißt es. Wie wach er dennoch war, kann man empfinden, wenn Schweitzer den Bariton Dieter Müller bei dem Vers “O Teurer, dir sag ich die Wahrheit” aufschreien lässt. Ein schriller Schrei aus der Stille.

— snap! —

Hölderlin wieder und die Turmmetapher. Und die des Schreis aus der Stille – und der Stille im Schrei. Braucht das noch ein Gedicht als Ergänzung?

Ja, die Stille (vor diesem Schuss).

— snip! —

schrille stille

“ist irgend eins, das einer seele g’nüget? ist ein halm, ist eine gereifteste reb’ auf erden gewachsen, die ihn nähre?” (friedrich hölderlin / scardanelli)

schon an der mutterbrust war diese stille,
das saugen selbstgefällter existenz.
es war nur eingebor’ner wunsch, nicht wille:
bevor ich was besaß, war’s insolvenz.

“ich schrieb, ich schrie”, als kind schon buchgestäbe
in einem wort verlierend, zu verzieren
noch jeden schrei, auf dass er rasch verwehe.
in schriller stille standen brav die stiere.

wie sie vor roten tüchern blieb ich liegen,
stellte stürm’sche wecker stillend weiter.
im turm steh’ ich, wo seine wänd’ zerstieben.

dem grab die schrille stille vorzuschreiben,
hab’ ich mich aufgemacht zum fortschrittschreiter.
ich bin das schaf, die hirten zu beweiden.

Dieser Beitrag wurde unter d.day - keine nacht für niemand veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu Fr, 18.6.10 (Sa, 19.6.10, 2:50): Schrille Stille

  1. Pingback: ögyr @ litfon | schwungkunst.blog

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.