Mo, 7.6.10 (Mo, 7.6.10, 23:55): Auf der Rückseite des Mondes wächst Schilf

Da man sie ja nicht sieht vom Irdischen aus, ist dies eine nicht widerlegbare Annahme, unrealistisch also romantisch.

Wie auch hier zu lesen, in einem Gedicht von 1989 (auf der Gedicht-Single 3 “Abendroth in der Melanchthonstraße”, B-Seite):

— snip! —

pale ale

Es wurde bereits festgestellt, daß
auf der Rückseite des Mondes wächst Schilf.

Ö werden Schnee geraucht
& Gras getrunken haben.

Es wurde bereits darauf hingewiesen, daß
auf der Rückseite des Mondes wächst Schilf.

Nachdem ö Schnee geraucht
& Gras getrunken haben werden
& Müllkippen geplündert
& Juweliere gefüllt
& Pissoires.

Auf den Gemäuern der Schlößer an der Loire
wächst Moos, nicht Schilf.

Der fÜrchterliche Pirat ißt Marmelade
oder Hai & Hering
je nachdem,
manchmal auch nur ein dürres Bier,
so rosa, wie ihre Lippen hätten gefärbt.

Dem glÜcklichen Tapir ist das
ganz & gar egal, daß
auf der Rückseite des Mondes wächst Schilf.

Dürrelange Beine in gleichfalls Bier
sollten gehabt haben anderswo.
Sekt in Schuh & Bier in der Schiffermütze
zeugen von ö’s Irrfahrten.

Erneut muß darauf hingewiesen werden, daß
auf der Rückseite des Mondes wächst Schilf.

Vom glAnzlosen Rapit hatten ö geworden
tags & nachts, so daß viel Dürre
die Kehle heruntergeflossen wurde,
dagegen klang ihr Lispeln eher scheu als ob,

aber das hätte nicht gewußt sein, zumal daß
auf der Rückseite des Mondes wächst Schilf.

— snap! —

Da war ich DaDa 😉 Total gaga, was W.L. dazu schickt: Er hat bei Recherchen in seinem Archiv eine Kassettenaufnahme gefunden: jm liest “Luna=Ticks” … vor 23 Jahren (Fotos: W.L.):

Hatte das olle “Epigon-Fiction” (à la Arno Schmidt) neulich schon mal raus gekramt, als ich’s Lilly zeigte. Jetzt ob der Wiederentdeckung des “Hörbuchs”, greife ich nochmal nach den flickent[e/ä]ppisch zusammengeklebten A3-Kopiervorlagen. Eingescannt:

Und die Seite 11 (obere Hälfte) mit der Schröterschen Karte des Mare Crisium:


(vergrößerte Ansicht)

Alles Dokumente, noch analog, mit einer Plotter-Schreibmaschine getippt, die genau eine Zeile speichern konnte – dann huschelte der Plotstift übers Papier wie eine kratzende Feder.

Und meine frühen Versuche, mich schreibend aus der in die Welt zu stehlen. Das Mondreich als “nerdischer” Fluchtort und (vermeintliche) “bessere Welt” wie in Arno Schmidts “KAFF auch Mare Crisium”.

Romantikkonstruktion knapp 100 Jahre nach ihrem Ende (wenn sie denn je endete).

Entdecke auf den Fotos von W.L., dass ich Passagen aus Haydns Oper “Il mondo della luna” als Bonustrack auf die zweite Kassette gespielt hatte. Im Retro-Rausch finde ich im Netz eine Aufnahme vom 10. August 2001 aus dem Landestheater Tirol mit der Akademie für Alte Musik, Berlin (Leitung: René Jacobs). Die selig entrückten Mondklänge: Coro (mit Recitativo) am Beginn des 1. Aktes und Sinfonia zu Beginn des 2. Aktes.

Die Luna tickt wieder. Und auf ihrer Rückseite wächst Schilf.

Dieser Beitrag wurde unter d.day - keine nacht für niemand veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Kommentare zu Mo, 7.6.10 (Mo, 7.6.10, 23:55): Auf der Rückseite des Mondes wächst Schilf

  1. Pingback: Mi, 13.10.10 (Fr, 15.10.10, 1:04): Zettels Trauma | schwungkunst.blog

  2. Pingback: Fr, 31.12.10 (Fr, 31.12.10, 23:26): Silvester-Snap | schwungkunst.blog

  3. Pingback: an die verständigen | schwungkunst.blog

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.